Autor: Michele Tan

  • Die Politik der Scham und der Unterdrückung

    Cordula Reimann: Schamabwehr als Politik Gaza als Spiegel deutscher Verdrängung. Rosa-Luxemburg-Stiftung, https://www.rosalux.de/news/id/55133/schamabwehr-als-politik

    Seit Die Zeit, Der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung die digitalisierten NSDAP-Mitgliederkarteien des US-Nationalarchivs im April 2026 veröffentlichten, erfragen Millionen Deutsche online, ob ihre Familienangehörigen der NSDAP, SA oder SS angehörten. Was fehlt, ist eine öffentliche Debatte darüber, was dieses plötzliche private Wissen kollektiv und politisch bedeutet – die Recherche bleibt ein individuelles Aufklärungsprojekt am heimischen Bildschirm. Genau diese Leerstelle liest der Text als Fortsetzung eines bekannten Musters: einer ungelösten deutschen kollektiven Scham, die als Staatsräson politisch gebunden wird, sich an Gaza neu entzündet und sich in Beschämung, autoritäre Repression und letztlich im Nutzen für die politische Rechte entlädt. Millionen erfahren, dass der Großvater oder die Großmutter Parteimitglied war – doch diese private Erkenntnis mündet in keine öffentliche Auseinandersetzung darüber, was politische Verantwortung heute, etwa gegenüber Gaza, konkret bedeuten müsste. Eine offizielle Politik, die Verantwortung lieber in der Formel der Staatsräson bindet als eine ehrliche Gegenwartsauseinandersetzung zu führen, profitiert von genau dieser privatisierten, sprachlosen Scham. Ohne politisches Aufgreifen dieses massenhaften neuen Wissens droht die Recherchewelle folgenlos in individueller Betroffenheit zu versickern – hinter Phrasen wie „Nie wieder ist jetzt“.

    https://www.rosalux.de/news/id/55133/schamabwehr-als-politik