Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz warnt

Nicola Kuhrt, Markus Weisskopf: Walter Rosenthal im Interview: „Wissenschaftssystem steht vor größter Belastungsprobe seit der Wende“, Research.Table, 04. Februar 2026.

Rosenthals Interventionen in diesem Interview lassen sich als institutionentheoretische Warnung lesen: In seiner Funktion als Präsident der Hochschulrektorenkonferenz spricht er nicht über Wissenschaft als reine Idee, sondern als Infrastruktur, als Gefüge aus Rechtsnormen, Finanzströmen, Verfahren und Selbstverwaltungsorganen. Sein Satz, „Wir müssen die Wissenschaft so absichern, dass sie auch illiberalen Zeiten standhält“, ist programmatisch und markiert eine Verschiebung: Freiheit erscheint hier nicht als normatives Postulat, sondern als Konstruktionsaufgabe.

Wenn Rosenthal von der „größten Belastungsprobe seit der Wende“ spricht, dann meint er nicht einen singulären Konflikt, sondern die Gleichzeitigkeit struktureller Spannungen: geopolitische Verschiebungen, erstarkende autoritäre Bewegungen, wachsender Misstrauensdiskurs gegenüber Expertise. In einer solchen Konstellation wird Wissenschaft nicht nur kritisiert, sondern politisch instrumentalisiert. Ihre Autonomie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein umkämpfter Status.

Zentral ist Rosenthals Hinweis auf strukturelle Verwundbarkeit. Wissenschaftsfreiheit hängt an konkreten Arrangements. Wo Finanzierung projektförmig fragmentiert ist, wo Planungshorizonte verkürzt werden, wo Zuständigkeiten diffus bleiben, entsteht politische Abhängigkeit. Autonomie wird dann formal behauptet, aber materiell relativiert. In diesem Sinne ist die Forderung nach verlässlicher Grundfinanzierung keine haushaltspolitische Detailfrage, sondern eine Bedingung epistemischer Souveränität.

Zugleich versteht Rosenthal Resilienz nicht als Abschottung. Wissenschaft dürfe sich nicht in die Rolle des missverstandenen Expertenkollektivs zurückziehen. Sie müsse sich erklären, müsse Diskursfähigkeit beweisen und dürfe sich dabei nicht populistisch verkürzen lassen. Vertrauen entstehe nicht durch Autoritätsgestus, sondern durch transparente Verfahren und nachvollziehbare Kommunikation. Gerade hier zeigt sich die Spannung: Wissenschaft ist auf Öffentlichkeit angewiesen, darf aber nicht von ihr abhängig werden.

Im Kern plädiert Rosenthal für eine bewusste institutionelle Vorsorge. Wenn illiberale Dynamiken nicht mit abrupten Brüchen, sondern mit schrittweisen Verschiebungen operieren, dann braucht auch die Wissenschaft keine hektische Alarmrhetorik, sondern robuste Strukturen. Absicherung bedeutet hier: klare Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern, starke Selbstverwaltung, langfristige Finanzierung und internationale Vernetzung als Gegengewicht zu nationaler Engführung.

Rosenthals Position ließe sich daher durchaus als demokratiepolitische Selbstvergewisserung lesen: Wissenschaft steht nicht außerhalb von Gesellschaft, sondern ist Teil der politischen Ordnung – und gerade deshalb auf spezifische Schutzmechanismen angewiesen. Freiheit ist in diesem Verständnis kein Zustand, der einmal erreicht und dann bewahrt wird. Sie ist ein fortlaufender institutioneller Prozess. Zugespitzt formuliert: Wissenschaft bleibt nur frei, wenn ihre Freiheit organisatorisch produziert und politisch gewollt wird – auch und gerade dann, wenn sich die politischen Mehrheiten verändern.

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