Kai Koddenbrock und Carolin Fiete Norina Voß: Walking a fine line: Germany and the question of imperialism, in: New Political Economy, November 2025, S. 1–20, https://doi.org/10.1080/13563467.2025.2581605.
Der Imperialismus ist wieder überall um uns herum. Russland in der Ukraine und die Vereinigten Staaten in Venezuela haben allen gezeigt, dass wir die Weltpolitik als gewalttätige und expansionistische Angelegenheit neu überdenken müssen. Die westliche Unterstützung für den Völkermord in Gaza hat die Fähigkeit, wegzuschauen, erschüttert. Liberale Staatsoberhäupter wie der kanadische Premierminister Mark Carney erkennen nun sogar an, dass die Eliten und herrschenden Klassen im Westen aktiv die Lüge verbreitet haben, wir hätten jemals in einer liberalen Weltordnung gelebt.
Wie können wir angesichts dieser neu gewonnenen Ehrlichkeit und konfrontiert mit der unerschütterlichen Loyalität gegenüber der völkermörderischen und faschistischen israelischen Regierung ein militarisiertes Deutschland theoretisch und empirisch verstehen, ohne in die Falle zu tappen, Gewalt, Krieg und die Ausbeutung des Südens als etwas zu betrachten, das nur anderswo stattfindet?
Das ist die Leitfrage, mit der Carolin Fiete Norina Voß und ich uns seit mehr als zwei Jahren beschäftigen. Der Artikel ist frei zugänglich und lädt die Leser*innen ein, einen historischen und selbstkritischen Blick auf unsere Ära der Gewalt und die sich wandelnden Beziehungen der kapitalistischen Akkumulation zu werfen.
Wir argumentieren, dass Imperialismustheorien uns helfen können, Deutschland zu verstehen. Diese Theorien wurden in weiten Teilen der akademischen Welt des Globalen Nordens aktiv vergessen, während Wissenschaftler*innen im Globalen Süden nie aufgehört haben, den tatsächlich existierenden Imperialismus zu theoretisieren und zu erleben. Wir schlagen einen konzeptionellen Fokus auf Krieg und militärische Gewalt, innenpolitische Beziehungen zwischen Staat und Kapital sowie die Wertabschöpfung aus dem Globalen Süden vor. Empirisch untersuchen wir die jüngsten Veränderungen in der deutschen Sicherheits- und Wirtschaftspolitik, die deutschen Großkonzerne Volkswagen und BASF sowie die Jagd nach kritischen Mineralien aus dem Globalen Süden.
Unsere Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Imperialismus als analytischer Begriff es ermöglicht, die Geopolitik und Geoökonomie der Gegenwart ganzheitlicher zu betrachten, und dass er generativ und produktiv ist, wenn es darum geht, mit einer Welt umzugehen, die von Krieg und Krisen heimgesucht wird.