Iran: Zwischen Regime-Massakern und US-israelischer Instrumentalisierung

Tom Delgado: What is Happening in Iran w/ Historian Arang Keshavarzian [Was passiert im Iran, mit dem Historiker Arang Keshavarzian], 5. Februar 2026, https://www.youtube.com/watch?v=UeBpyHx–Cs.

In diesem Interview mit dem Komiker und Reiseleiter Tom Delgado beleuchtet der Historiker Arang Keshavarzian, Experte für den modernen Iran und den Persischen Golf, die aktuelle Krise im Iran. Obwohl die Proteste von Dezember 2025 bis Januar 2026 in die jahrzentelange  Protesttradition des Iran eingeordnet werden müssen, sind sie hinsichtlich ihrer Art und Dynamik sowie des Ausmaßes der vom iranischen Regime angewendeten Gewalt beispiellos.

Keshavarzian beleuchtet zentrale Faktoren, die die innen- und außenpolitische Lage Irans maßgeblich prägen, aber in der Medienberichterstattung sowie den kampistischen Debatten oft übersehen werden, und enthält sich voreiliger Prognosen über den Ausgang:1. Die mehr als 20-jährige Geschichte regionaler und landesweiter Proteste im Iran ist geprägt von heterogenen Gruppen mit sehr unterschiedlichen Forderungen. Die Grüne Bewegung von 2009 war eine Reaktion auf den Wahlbetrug; die Aufstände von 2017-2018 und 2019 richteten sich gegen die Wirtschaftskrise, die Arbeitslosigkeit, die hohen Benzinpreise und Khameneis Herrschaft; bei den Protesten von 2022 wurden unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ nach der Ermordung der Kurdin Jina Mahsa Amini umfassendere politische Veränderungen und ein Ende des Regimes gefordert, die weit über die Abschaffung der Hijab-Pflicht hinausgingen.

2. Die anhaltenden Auswirkungen ausländischer Interventionen, angefangen beim Staatsstreich von 1953 durch die USA und Großbritannien gegen Premierminister Mohammad Mossadegh, der eine Verstaatlichung des Erdöls anstrebte, über die repressive Herrschaft von Schah Mohammad Reza Pahlavi und die Islamische Revolution von 1979 bis hin zu den heutigen Protesten. In diesen vermischen sich legitime Beschwerden und Forderungen der Protestierenden, die hochwahrscheinliche Beteiligung der CIA und des Mossad sowie die brutale Reaktion des Regimes miteinander. Ein Beispiel, das Keshavarzian anführt, um zu veranschaulichen, wie ausländische Mächte aktiv am Narrativ eines Regime Change mitwirken, ist der diesjährige Neujahrspost des ehemaligen Außenministers Mike Pompeo auf X: „Ein frohes neues Jahr an alle Iraner auf den Straßen. Und auch an alle Mossad-Agenten, die an ihrer Seite gehen.“

3. Die soziale Basis des iranischen Regimes, die durch Korruption, Unterdrückung, Sanktionen, wirtschaftliche Misswirtschaft, und als Folge des 12-Tage-Kriegs mit Israel im Juni 2025 zunehmend erodiert.

4. Der Informationskrieg, geführt u.a. von diasporischen Medien wie Iran International und Manoto, die eine Intervention der USA und Israels befürworten und Reza Pahlavi, den Sohn des ehemaligen Schahs, als einzige politische Alternative zu den Mullahs im Iran propagieren. Während einige Iraner:innen Pahlavi bejubeln und eine nostalgische Rückkehr zur Monarchie ersehnen, lehnen ihn andere innerhalb des Iran und in der Diaspora kategorisch ab; viele wurden unter der Herrschaft seines Vaters verfolgt und fürchten neue Repressionen. Reza Pahlavi steht der ethnischen und politischen Vielfalt des Iran sehr ablehnend bzw. feindlich gegenüber und priorisiert eine enge Beziehungen zu den USA und Israel.

5. Keshavarzian beleuchtet auch die Zukunftsaussichten der Menschen im Iran, gefangen  zwischen den Massakern des Regimes und ausländischen Mächten wie den USA und Israel, welche die Proteste für ihre eigenen politischen Ziele ausnutzen. Keshavarzian stellt fest, dass die meisten wichtigen Personen und Gruppen, die eine politische Opposition oder Alternative im Iran bilden könnten, vom Regime brutal niedergeschlagen, inhaftiert oder hingerichtet worden sind. Einige Oppositionsgruppen, so sagt er, wollen neue Verhandlungen, die nicht nur außenpolitische, sondern vor allem innenpolitische Fragen angehen: die Beendigung der Unterdrückung und der hochgradig versicherheitlichten Atmosphäre im Land, die Gewährleistung von Pressefreiheit und international begleiteter Wahlen sowie die Schaffung von Bedingungen, unter denen sich Gewerkschaften, Feminist:innen, Arbeiter:innen, Umweltschützer:innen und Akademiker:innen neu formieren und wieder stärken können.

Keshavarzian verknüpft in seiner Analyse geschickt politische, wirtschaftliche, soziale und geopolitische Gesichtspunkte – jenseits der aktuellen Debatten, die lediglich zwischen Verhandlungsforderungen und Kriegsrhetorik oszillieren. Im Interview kommen die Rolle von Gewerkschaften, Streiks und Kämpfen ethnisch marginalisierter Gruppen im Iran (z. B. der Kurd:innen und Belutsch:innen) etwas zu kurz. Das liegt mutmaßlich an seiner eigenen akademischen Schwerpunktsetzung, wie er selbst einräumt. Diese Kämpfe sind jedoch Teil der vielfältigen Perspektiven im Iran darauf, wie das Land zukünftig regiert werden kann.

https://www.youtube.com/watch?v=UeBpyHx–Cs