Sind offene Briefe eher wirkungslos, und wenn ja, warum?

Juliane Prade-Weiss: Open letters by academics on the Israel–Gaza conflict: pitfalls of urgent appeals, in: Critical Studies on Terrorism, 2026, S. 1–25, https://doi.org/10.1080/17539153.2026.2677270.

Der Gaza-Konflikt wird auch in offenen Briefen ausgetragen: Schauspieler:innen, Völkerrechtler:innen, israelsolidarische Hochschullehrer:innen, israelische Intellektuelle, einfache Bürger:innen – sie alle bringen spezielle Expertise einerseits, persönliche Identität und Reputation andererseits in Anschlag, um den Diskurs und damit vielleicht die Fakten zu ändern. Aber haben sie damit Erfolg? Juliane Prade-Weiss, Komparatistin an der LMU München, meint nein, und sucht die Gründe dafür in den Briefen selbst. Sie hat 23 in den ersten Monaten des Gazakriegs entstandene offene Briefe unabhängig von ihrem Inhalt und ihrer Zielrichtung auf ihre Rhetorik und als Sprechakte analysiert und findet in ihnen Elemente von Analyse, Urteil, Appell und Bekenntnis, die – so ihr Ergebnis – in ihrer Mischung der Effektivität der Briefe entgegenstünden. Letztlich, so meint Prade-Weiss, unterminiere die Subjektivität offener Briefe deren Anspruch auf Erkenntnis und auch die Autorität der Unterschreibenden als Experten. Außerdem hätten die offenen Briefe die Polarisierung verstärkt, die sie doch häufig gerade überwinden wollten.

Das ist bedenkenswert. Freilich ist bezeichnend, was Prade-Weiss alles ausdrücklich aus der Analyse ausschließt: die faktische, moralische, und juristische Richtigkeit der Briefe und ihrer Forderungen, die Positionalität und Ideologie der Unterschreibenden, die Machtasymmetrie nicht nur der Kriegsparteien, sondern auch der Schreibenden, sogar ihre inhaltlichen Positionen zum Gazakrieg. (Immerhin erfahren wir, dass im weitesten Sinne zwölf der Briefe propalästinensisch waren, vier proisraelisch, der Rest dazwischen.) Diese fast vollständige Dekontextualisierung hat einen Preis. Wenn etwa Prade-Weiss meint, der Genozidbegriff in vielen der Briefe habe emotionalisierende und politisierende Zwecke gehabt, unterschlägt sie nicht nur, dass die Emotionalisierung häufig als Fremdzuschreibung auftaucht. Sie erwägt auch nicht, dass die heutige weitreichende Anerkennung des Genozidvorwurfs, die sie zugesteht, vielleicht gerade auch auf die offenen Briefe zum Beispiel der Genozidforscher:innen selbst zurückzuführen ist. Dass offene Briefe wirkungslos seien, ist sowieso nicht ganz plausibel. Der offene Brief vom Mai 2024, in dem hunderte Berliner und andere Dozent:innen gegen die polizeiliche Räumung eines Palästinacamps an der FU Berlin protestierten, führte immerhin zur Entlassung einer Staatsekretärin und zum Rücktritt einer Ministerin, er hat das Nachdenken über die Verantwortung von Hochschulleitungen und Dozent:innen, aber auch Politik und Presse, maßgeblich beeinflusst. (Und die Gründung von KriSol lässt sich auch darauf zurückführen.)

Die Sprechaktanalyse kann mit ihrem dekontextualisierten Fokus auf isolierte Texte die diskursiven und politischen Prozesse nicht erklären. Nur so kann Prade-Weiss letztlich propalästinensische und proisraelische Briefe über einen Kamm scheren.  Trotzdem lässt sich gerade in praktischer Hinsicht einiges mitnehmen. Prade-Weiss‘ Skepsis gegenüber Bekenntnissen, in denen es mehr um die Gefühle der Unterschreibenden als die politische Situation selbst geht, ist berechtigt. (Freilich sollte man auch fragen, inwieweit gerade der Vorwurf, den Schreibenden gehe es ausschließlich um ihr Gewissen und nicht um Wirkung – der „Gutmenschenvorwurf“ – ein Sprechakt der Gegenseite ist, der auf Demotivation abzielt.) Tatsächlich, dazu ermutigt der Text, können offene Briefe dann stark sein, wenn sie Expertise und Position und Betroffenheit der Unterschreibenden plausibel in konkrete, knappe und präzise Forderungen an genau benannte Adressaten umsetzen. Die Anzahl und Diversität der Unterschreibenden (die Prade-Weiss nicht thematisiert) demonstriert dabei nicht nur die Konsensfähigkeit des Textes. Sie ermöglicht auch die kollektive Übernahme von Verantwortung einerseits, die Herstellung von Solidarität andererseits. Dass die Staatsräson genau das fürchtet, ist vielleicht der beste Beweis für das Potential dieser Form von Intervention.

https://doi.org/10.1080/17539153.2026.2677270