Daniel Loick, Vanessa E. Thompson (2026). Surplus fascism: Reflections on current tendencies of abandonment in Germany and beyond. New German Critique, 53(1), 203–223.
In dem Aufsatz entwickeln Daniel Loick und Vanessa E. Thompson die These, dass gegenwärtige autoritäre und faschistische Entwicklungen weltweit nicht als politische Ausnahmen oder bloße Reaktionen auf kurzfristige Krisen verstanden werden sollten. Sie seien vielmehr strukturelle Antworten auf tiefgreifende Veränderungen moderner kapitalistischer Gesellschaften und gingen aus ihnen hervor, insbesondere auf die zunehmende Produktion sogenannter „überflüssiger“ Bevölkerungsgruppen. Denn die gravierenden strukturellen Ungleichheiten der globalen politischen Ökonomie ließen sich nicht mehr weiter einfach durch konsensuelle Mechanismen eindämmen. Faschismus erscheint dabei nicht als Gegensatz zum bestehenden System, sondern als eine Zuspitzung seiner inneren Logiken und Vertiefung bestehender Herrschaftsverhältnisse.
Ausgangspunkt der Analyse ist die Beobachtung, dass rechte und autoritäre Bewegungen international sehr ähnliche Feindbilder konstruieren. Migrant:innen, Geflüchtete, arme oder arbeitslose Menschen, feministische und queere Personen sowie politische Gegner:innen werden als Bedrohung einer vermeintlich natürlichen sozialen Ordnung dargestellt. Diese Gemeinsamkeit deutet darauf hin, dass solche politischen Entwicklungen nicht primär national erklärbar sind, sondern auf globale soziale und ökonomische Dynamiken zurückgehen. Entscheidend ist dabei die Vorstellung, bestimmte Gruppen seien „zu viele“ oder gesellschaftlich überflüssig.
Zur theoretischen Erklärung greifen wir auf Karl Marx’ Konzept der „relativen Überbevölkerung“ zurück. Kapitalistische Produktionsweisen erzeugen demnach notwendigerweise Menschen, deren Arbeitskraft nicht mehr benötigt wird. Technologische Entwicklung, wirtschaftliche Konkurrenz und strukturelle Ungleichheiten führen dazu, dass wachsende Teile der Bevölkerung dauerhaft aus gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden. Diese Menschen werden nicht nur ökonomisch marginalisiert, sondern zunehmend als soziale Last oder Gefahr konstruiert und wahrgenommen. Das Versprechen faschistischer Politiken besteht darin, diese überflüssigen Gruppen durch Abschiebung, Kriminalisierung, organisierte Vernachlässigung oder sogar physische Vernichtung zu beseitigen.
Zurzeit überschneiden sich mehrere Krisenprozesse: eine Krise kapitalistischer Überakkumulation, eine Krise nationalstaatlicher Integration, der Wandel traditioneller Geschlechterordnungen sowie die andauernde ökologische Krise. Faschismus erscheint dabei als affektive und politische Reaktion auf eine Situation, in sich immer mehr Menschen von der Gefahr bedroht sehen, selbst überflüssig zu werden. Aufbauend auf marxistischer und kritischer Theorie, psychoanalytischen Ansätzen sowie radikalen schwarzen und antikolonialen Kritiken argumentieren wir, dass autoritäre Subjekte ihre eigenen Ängste vor realem oder symbolischem Statusverlust verdrängen, indem sie andere Gruppen als „abjekt“ oder verwerflich markieren. Die Bestrafung dieser Gruppen erzeugt ein Gefühl moralischer Überlegenheit und Kontrolle. Gewalt und Ausschluss fungieren somit nicht nur als politische Strategien, sondern auch als emotional befriedigende Praktiken, die ein bedrohtes Selbstbild stabilisieren.
Politisch zeigt sich diese Dynamik besonders in der Ausweitung staatlicher Straf- und Kontrollmechanismen. Verschärfte Migrationspolitik, intensiviertes Polizieren, Kriminalisierung von Protestbewegungen oder die zunehmende Kontrolle öffentlicher Räume sind Formen einer karzeralen Politik, die darauf abzielt, überschüssige Bevölkerungen zu verwalten, zu isolieren oder zu verdrängen. Beispiele im deutschen Kontext sind zum einen die Repression gegen die Palästina-Solidaritätsbewegung, zum anderen der sich verschärfende rassistische Ausschuss von Geflüchteten und Migrant:innen.
Wenn wir Faschismus nicht als Gegenteil, sondern als Extremform des liberal-kapitalistischen Status Quo verstehen, der durch staatliche und ökonomische Praktiken immer wieder Menschen für ihre Entsorgbarkeit vorbereitet, dann kann er nicht durch eine bloße Verteidigung der bestehenden politischen Institutionen bekämpft werden. Da die Produktion von „Überflüssigkeit“ im kapitalistischen System selbst angelegt ist, kann antifaschistische Politik nicht lediglich auf Integration oder Reform setzen. Stattdessen schlagen wir eine abolitionistische Perspektive vor, die die kapitalistische Gesellschaftsform abschafft, soziale Institutionen grundlegend neu aufbaut und sich an den Erfahrungen und Kämpfen marginalisierter Gruppen orientiert. Eine solche Politik zielt darauf, gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, in denen niemand mehr überflüssig ist.