Wir werden wieder einmal faschisiert

Patrick Eiden-Offe: Was ist Faschisierung? Einige theorie- und begriffshistorische Überlegungen, Merkur, 922/80, März 2026.

Der Artikel lotet aus, wie weit wir in unserer gegenwärtigen politischen Lage mit einer Begriffsersetzung oder -verschiebung kommen, die der französische Philosoph Pierre Zaoui unlängst vorgeschlagen hat: „If we cannot talk of fascism as such, we can at least talk of fascization and being fascisized, as we do of racialization and being racialized.“

Der Vorschlag zielt darauf, den Faschismus nicht länger als ein System zu begreifen, das sich anhand eines Merkmalkatalogs bestimmen lässt, sondern ihn in der Verlaufsform, als offenen und immer auch kontingenten Prozess zu denken. Faschisierung vollzieht sich in der Bündelung (lat. fasces/fascis) von Strategien, durch Verzahnung, Ergänzung und gegenseitige Verstärkung, wobei immer auch Widersprüche, Gegenläufigkeiten und temporäre Lockerungen möglich sind.

In der Analyse gegenwärtiger politischer Phänomene adressiert der Begriff der Faschisierung vor allem subjektive und intersubjektive Prozesse, die sich in der Sphäre des Affekts, des Begehrens und der Sprache abspielen: im Gebrauch „exterminatorischer Signifikanten“ (Zaoui), der Lust an der Gewalt, der Entgrenzung und der Ausgrenzung nicht nur aber gerade auch auf Social Media. Die Prozesskategorie hilft uns, diese Bereiche theoretisch unnachgiebig ansprechen und analysieren zu können, ohne einzelne Subjekte oder Gruppen in toto als Faschist*innen abkanzeln zu müssen. Faschisierung vollzieht sich wortwörtlich subkutan, in den Körpern und Lüsten – und dort kann man sich ihr auch versagen.

Im Hinblick auf historische Analysen lassen sich mit dem Prozessbegriff der Faschisierung große räumliche und zeitliche Dimensionen in den Blick nehmen. Faschisierung wird so als globales und historisches longue-durée-Phänomen greifbar, das sich in der Geschichte von Kolonialismus und Kapitalismus geltend macht: Mit Suzanne und Aimée Césaire können wir einen kolonialen Faschismus vor und nach dem (europäischen) Faschismus denken, dessen gewalttätige und entmenschlichende Kontinuität mit der Prozesskategorie der Faschisierung begrifflich dingfest gemacht werden kann. Und mit Karl Polanyis Denkfigur eines „faschistischen Virus“ lässt sich Faschisierung bis in die Einsetzung der kapitalistischen Eigentumsordnung zurückverfolgen – als latente Gewalt- und Vernichtungsdrohung, die diese Eigentumsordnung begleitet und im letzten absichert. Heute wird einerseits die (post)koloniale Ordnung der Welt abermals in Frage gestellt, und andererseits konfiguriert sich der globale Kapitalismus auf eine Weise neu, die in vielen Analysen nicht zufällig in eine begriffliche Nähe zu Prozessen der „ursprünglichen Akkumulation“ gebracht wird (data mining, virtuelle enclosures, digitaler Extraktivismus). Der Begriff der Faschisierung kann uns dabei helfen, unsere Gegenwart zur kolonialen kapitalistischen Gewaltgeschichte in Beziehung zu setzen.  Diese setzt sich heute fort – oder aber wird unterbrochen. Die Frage der Gegenstrategien, die Frage der anti- oder nicht-faschistischen Ent-Bündelung bleibt im Artikel offen.

https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/was-ist-faschisierung-a-mr-80-3-5