Die aufschlussreiche Lust, anderen Lust am Faschismusvorwurf vorzuwerfen

Eine deutsche Kuschelecke, Foto: privat

Es ist ja manchmal allzu komisch. Seit mindestens sechs Jahren beschäftigen sich zahlreiche Aufsätze damit, wie sich Faschismus im Zuge von Finanzkrise, Pandemie, Krieg, Klimawandel, Grenzregimen, Antigenderismus, Polizeigewalt, Staatsräson, Tech-Utopien und AI-Slop begrifflich, epistemologisch, politisch, affektiv oder medialisiert neu verstehen ließe.

Aber ausgerechnet ein Beitrag, der diese Auseinandersetzungen vollständig ignorieren will, bestimmt jetzt die Wetterlage deutscher Feuilletons. Jan Phillip Reemtsma behauptete in seinem FAZ-Beitrag Anfang Mai, dass die Frage, ob schon Faschismus sei, was wir gerade erleben, einem Bedürfnis entspräche, Zugehörigkeit zu schaffen. Dabei bleibt zum einen unklar, wer Anlass oder Adressat seines Vorwurfs ist. Zum anderen schrumpft er die Komplexität vorliegender Analysen zu einer Angelegenheit von Zusammengehörigkeitsgefühl zusammen. Mit einem Federstreich wird aus der Welt geschafft, dass für Betroffene von Gewalt Zusammengehörigkeit überlebensnotwendig sein kann, und dass für Akademiker:innen, die schon jetzt die Auswirkungen der Einschränkungen von Wissenschaftsfreiheit zu spüren bekommen, die Vergewisserung eines Raumes der Sagbarkeiten existenzielle Qualität haben kann. Die Suchbewegung nach einer Antwort auf die Frage, ob diese Gewalt und diese Eingriffe in die kommunikativen Rechte schon Faschismus sind, ist nach Reemtsma nicht dem Ernst der Lage geschuldet, sondern nur dem Wunsch, sich in der Kuschelecke Gleichgesinnter moralisch überlegen zu fühlen.

Immerhin ist der Beitrag tatsächlich aufschlussreich hinsichtlich der Weltabgewandtheit, die in seinen Begriffen wie „affektiver Zusammengehörigkeit“ zum Ausdruck kommt. Es wird so getan, als könne sich in der fragmentierten Öffentlichkeit digitaler Kommunikation heutzutage eine vom Wunsch nach Moral angetriebene Gruppe überhaupt noch so zusammenfinden, dass Zugehörigkeit entsteht. Und Affekt wird in einen Gegensatz zu Erkenntnis oder zum Politischen gebracht, als hätten 30 Jahre queer-feministische Affekt- und Medientheorie nicht stattgefunden. Auch die in letzter Zeit unter dem Begriff der „Faschisierung“ angestellten Überlegungen werden geflissentlich ignoriert. Dass „Faschisierung“ ein analytisches Potenzial hat, haben bereits Robin Celikates und Rahel Jaeggi in ihrer Replik auf Reemtsma deutlich gemacht. Um dieses Potenzial zu heben, braucht es aber die erwähnten Affekttheorien, die in der öffentlichen Debatte oft gar nicht vorkommen. Ich setze daher beim Nachdenken über Faschismus/Faschisierung bei den Begriffen der Lust und des Begehrens an. Jedoch ist die Stoßrichtung weniger Deleuze/Guattari, vielmehr geht es mir um einen Faschismusbegriff im Anschluss an Schwarze, queer-feministische Theoriebildung.

Robin Celikates/Rahel Jaeggi wie auch Alex Demorivić, Carolin Amlinger/Oliver Nachtwey und Ivo Eichhorn beziehen sich in ihren Beiträgen zu der durch Medienengineering hochgejazzten „Faschismusdebatte“ auf Faschisierung als einen primär temporalen Begriff: als einen Begriff der Phase (Demorivić), des Prozesses (Amlinger/Nachtwey, Eichhorn), der Verlaufsform (Celikates/Jaeggi). Diese Autor:innen verwenden Bilder der Bewegung und Beweglichkeit, um der Analogiebildung zwischen historischem Faschismus und gegenwärtigen Formen des Autoritarismus zu begegnen, die Reemtsma so stört, während er sie selbst in seinem Artikel reproduziert. Der Begriff der Faschisierung deutet darauf hin, dass sich in der Wiederholung Differenz herstellt und dass sich in der Differenz das Unvollständige des aus der Vergangenheit auf die Gegenwart projizierten Faschismus zeigt.

Implizit und womöglich aufgrund der mannigfachen Bezüge auf Horkheimer/Adorno in den Repliken verstellt, ist der Begriff der Faschisierung auch mit dem affektiven Begriff des Begehrens nach Deleuze verknüpft. Faschisierung als Prozess verweist auch auf eine Energie, die das „gesellschaftliche Feld zusammenfügt“ (Deleuze 1996, 29), die uns als Begehren affiziert und uns auf mikropolitischer Ebene mit den Machtformationen verschaltet, die sich im Gefüge des Begehrens ausbreiten (ebd., 21). Paul Morten (2025) hat es bereits umrissen, Simon Stricks angekündigtes Buch legt es nah. Faschismus ist demnach nicht mehr nur aus der molaren Instanz des Staates, des Militärs, der Polizei heraus zu betrachten, sondern aus den Mikro-Gegebenheiten einer „Individualität eines Tages“ (Deleuze 1996, 31), deren Verbindungen den Moment der Konjunktur ausmachen. Die aktuelle Konjunktur des Faschismus entsteht – so ließe sich schlussfolgern – aus den Beziehungen mikropolitischer Ereignisse im Klein-Klein postdigitaler Reaktionskulturen, die sich für einen bestimmten Moment vereinheitlichen. Faschisierung als Begehren ist demnach niemals nur eine auf eine Mangelsituation zurückzuführende Lust an der Zerstörung, wie es Amlinger/Nachtwey (2025) vorschlagen, auch nicht eine natürliche Gegebenheit eines autoritären, destruktiven Charakters oder lustvollen Drangs nach Härte, wie es an der ein oder anderen Stelle bei Eva von Redecker (2026) durchblitzt. Vielmehr scheint Faschisierung insbesondere vor dem Hintergrund fragmentierter algorithmisierter Öffentlichkeiten als ein Heterogenen-Gefüge nachvollziehbar, das sich mehr und mehr über die Beziehungen der digitalen Reaktionskultur (wie Kommentare, Likes, Reposts) zusammensetzt. Diesem Gefüge sind keine Führerfiguren mehr zu entnehmen, strenggenommen noch nicht einmal mehr die Instanz des Geschlechts (Deleuze 1996, 23). Eher stellt es sich als ein Brei dar, in dem man kleben bleibt, wie es von Redecker zum Ausdruck bringt. Paul geht darauf ein, inwiefern man mit einem solchen Begehrensverständnis Faschisierung als etwas verstehen kann, das unter die Haut geht, nur eben nicht als Folge des Gefühls, Teil von Massenbewegung zu sein, sondern als Folge des digitalmedialen affektiven „microtargeting“ (2025, 4). Ich selbst habe es mit der Ringvorlesung „Prompting Fascism“ als Effekt eines durch KI-Technologien und -Rhetoriken erzeugten Bedürfnisses zu fassen versucht, Output nicht mehr zu suchen, herauszufinden oder zu generieren, sondern qua Input befehlen zu wollen.

Ohne behaupten zu wollen, ein solcher Begriff der Faschisierung könne alles erklären, wird deutlich, inwiefern Affekt der Analyse nicht gegenübersteht. Im Gegenteil: Mit dem Begehrensbegriff als Affektbegriff rücken Epistemologien der Konjunktion ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Mit dem Verweis auf Verbindung lernen wir den Blick nicht mehr auf die Pole Staat und Subjekt, Gewalt und Lust, Tech und Bros zu richten, sondern auf die Relationierungen, die „intersektionalen“ (Crenshaw), „intra-aktiven“ (Barad) und „infra-aktiven“ (Ferreira da Silva) Verhältnisse. Auf den Plan treten Schwarze, queer-feministische Wissensbestände, die in den aktuellen Faschismusanalysen nahezu unkenntlich gemacht sind. Anstelle des Vorwurfs an der Lust am Faschismusvorwurf, den Reemtsma gemacht hat, ist es mir ein Anliegen, diese Wissensbestände hervorzuheben, weil sie die Bedeutung kennen, die Affekte für die Faschismusanalyse haben. Sie sind aber auch wichtig, weil sie ermöglichen, die anthropozentrischen Verengungen der Diskussion zu adressieren, durch ihre Aufmerksamkeit für Relationen und Beziehungen.

Dabei kann vor allem der Blick auf Denise Ferreira da Silvas (2022) Begriff von Relation helfen. Anhand der Figur der Refraktion fügt sie dem ewig beweglichen Immanenzfeld des Begehrens nach Deleuze/Guattari die Negativität hinzu, die es für ein Verständnis der differentiellen Effekte von Faschisierung braucht. Gemeint ist damit ein Denken von Relation, das der kolonialrassistischen brutalen Szene der Unterdrückung entspringt und im Moment der mit dieser Gewalt einhergehenden Infragestellung (Negativierung) des Status des Menschlichen Faschisierung als eine sich nie nur gegen rassialisierte Menschen und Menschengruppen richtende Auslöschungsdynamik begreifbar macht. Es erlaubt, Faschisierung als etwas zu verstehen, dass sich im Moment der Verfolgung und Vernichtung dieser Menschengruppen immer auch gegen die Auslöschung eines gewissermaßen rassialisierten Landes zum Beispiel in Form der Extraktion von Rohstoffen richtet. Andersherum bedeutet es, dass die Extraktion von Land immer auch als faschistisch in dem Sinne betrachtet werden kann, dass sie gegen bestimmte Menschen gerichtet funktioniert.

Samir Gandesha (2020) spricht in diesem Zusammenhang folgerichtig von einem Posthumanen Faschismus. Seit der Pandemie und durch Automatisierung und KI – so Gandesha – konzentriere sich Faschismus am Rande eines massiven Dequalifizierungsprozesses von Arbeitskraft auf die Vertiefung der Rohstoffgewinnung. Mit dieser Gewinnung geht die prospektive Obsoleszenz der Menschheit mit der Zerstörung von Welt Hand in Hand, was Gandesha in Rückgriff auf Achille Mbembe als das „Becoming Black of the World“ beschreibt. Auf die Gefahr eines sehr großen Bogens hin scheint mir genau das der springende Punkt zu sein. Mit der Lust, anderen Lust am Faschismusvorwurf vorzuwerfen hingegen werden nur Effekte erzeugt, die uns von den wichtigen Debatten ablenken.