Die rechts-autoritären gesellschaftlichen Veränderungen zeigen sich auch in der Abschaffung der akademischen Orte der Disability Studies: Zum Jahreswechsel wurde die Finanzierung des Zentrums für Disability Studies (ZeDis) in Hamburg beendet; auch der einzige Universitäts-Lehrstuhl für Disability Studies an der Universität zu Köln und die Finanzierung des bidok, als digitaler, barrierefreier Bibliothek zu Behinderung und Inklusion, angesiedelt an der Universität Innsbruck, wurden aufgrund massiver Einsparmaßnahmen zum 31. Dezember 2025 eingestellt. Damit wurden den DS im deutschsprachigen Raum zentrale Orte der Forschung zu zentralen gesellschaftlichen Fragen entzogen, wenn auch die Disability Studies-Professur an der Alice Salomon-Hochschule und die Vertretung von DS an unterschiedlichen anderen Fakultäten weiterhin bestehen bleiben.
Der Widerstand der deutsch- und auch englischsprachigen Disability Studies-Community gegen die angekündigte Beendigung des international bekannten Zentrums war vergleichsweise groß. Es gab zahlreiche Stellungnahmen und Pressemitteilungen, der Direktor des Centre of Disability Studies an der University of Leeds (UK), Prof. Dr. Miro Griffith (UK), protestierte beim Hamburger Senat und bei der Universität zu Köln gegen die Schließungen beider Standorte.
Die aktuelle Situation der fehlenden Finanzierung und institutionellen Anbindung steht in klarem Widerspruch zu den staatlichen Verpflichtungen der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (Art. 24 in Verb. m. Art. 4). Dies scheint jedoch für das staatliche Handeln wenig Bedeutung zu haben. Die geringe Unterstützung durch kooperierende universitäre und akademische Institutionen jenseits der DS-Community (mit der Ausnahme der Landes-Asten-Konferenz Hamburg und der AWO-Fachstelle für Migration und Behinderung) verweist aber auch auf ein Problem innerhalb der Wissenschaften und in der Forschung. Dort dominieren immer noch defizitorientierte Perspektiven auf Behinderung: Es wird Behinderung immer noch als ein individueller Makel begriffen, der entweder kuriert oder eingehegt und unter Kontrolle gebracht werden muss.
Die kontinierliche Aufrechterhaltung der Defizitorientierung, die sich gerade auch im Erhalt oder sogar Ausbau sonderpädagogischer Studiengänge zeigt, ist eng verknüpft mit der Zurückweisung von gesellschaftskritischen Perspektiven. Behinderung kritisch als Teil von Gesellschaft verstehen zu lernen, wird von interdisziplinären Forschungsbereichen wie den Disability Studies, oder auch von Gender Studies, Queer Studies und Postcolonial Studies geleistet. Diese fordern zudem, gesellschaftliche Gleichberechtigung praktisch umzusetzen. Soweit sie sich überhaupt institutionell verankern konnten, verlieren gesellschaftskritische Perspektiven derzeit immer mehr politischen Rückhalt und sehen sich zunehmend in ihrer institutionellen Existenz gefährdet. Der rechtsextreme, Minderheiten ausschließende Diskurs setzt sich auch in der bewussten Beendigung der Finanzierung emanzipatorischer Forschungsstellen durch.
Wie die Arbeitsgemeinschaft Disability Studies (AGDS) hervorhebt, forschen behinderte Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen und Künstler:innen selbst. Die AGDS ist ein Zusammenschluss behinderter Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Künstler*innen aus Deutschland, die Behinderung nicht als behandlungsbedürftiges Problem verstehen, sondern als gesellschaftliche Differenzkategorie untersuchen. Mit der Zeitschrift für Disability Studies (ZDS), und anderen Publikationen wie beispielsweise dem Tagungsband „„Disability Studies im deutschsprachigen Raum. Zwischen Emanzipation und Vereinnahmung“ (2018), hatten sich die Disability Studies neben Gender, Queer und Post-/Decolonial Studies im deutschsprachigen Raum etabliert.
Die interdisziplinäre theoretische Perspektive der DS wurde 2014 in einem sich klar positionierenden kurzen und prägnanten Artikel „Was sind eigentlich Disability Studies? Wechselspiel von Beeinträchtigung und Barrieren“ in der Zeitschrift Forschung & Lehre. Alles was die Wissenschaft bewegt, 21(7), ausgearbeitet und gegen die weit verbreitete traditionelle, individualistische, defizitorientierte Sichtweise in Stellung gebracht. Der Artikel wurde 2017 open access auf bidok erneut veröffentlicht und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es geht im Wesentlichen darum, die gesellschaftlichen Zuschreibungs- und Ausschlussprozesse zu analysieren, aufgrund derer beeinträchtigte Menschen behindert werden. Hierbei ist die Sicht auf Behinderung als Abweichung von gesellschaftlichen Normalitätserwartungen und damit als soziale Konstruktion grundlegend. Es ist das Anliegen der aus den politischen Behindertenbewegungen entstandenen interdisziplinären Studien, nicht nur die Konstruktion von Behinderung, sondern auch die Konstruktionen von Normalität sowie Nichtbehinderung zu untersuchen, die prägend für gesellschaftliche Exklusionsprozesse sind.
Die Disability Studies kritisieren den dominierenden, defizitorientierten und essenzialisierenden Behinderungsdiskurs der sozial-, human und medizinwissenschaftlichen Disziplinen und heben den Wechsel der Forschungsausrichtung hervor: Nicht über, sondern mit und aus der Perspektive behinderter Menschen wird geforscht, an die Forderung der emanzipatorischen Behindertenbewegung „Nothing about us without us“ anschließend. Zentral für die DS ist auch die historische Perspektive, zum Beispiel die Analyse der historischen Entwicklung von Kategorisierungen und deren enge Verbindung mit Ausgrenzungen und der (Zwangs-)Einweisung und Behandlung behinderter Menschen in Heimen. Den essenzialisierenden Kategorien und den Ausgrenzungen setzen die DS wissenschaftliches Grundlagenwissen zu Lebens- und Lernmöglichkeiten mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen entgegen.
Während Behinderung und Nichtbehinderung traditionell als eindeutig trennbare Phänomene konstruiert werden, diskutieren die Disability Studies, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens eine Beeinträchtigung erwerben kann und Menschen immer nur zeitweilig nichtbehindert sind, mit dem Begriff „temporarily able-bodied“. Mit höherem Lebensalter steigt die Wahrscheinlichkeit, unterschiedliche Beeinträchtigungen zu erwerben, diesbezüglichen Barrieren zu begegnen und behindert zu werden. Daraus folgt, dass das Thema Behinderung und auch die Beschäftigung mit der Diskriminierungsstrategie Ableismus alle Menschen früher oder später selbst betreffen können und die Disability Studies als Wissenschaften somit nicht nur für eine Gruppe, sondern für alle Menschen relevant sind.
Entscheidend ist, die Macht der als Normalität konstruierten Kategorie Nichtbehinderung in Frage zu stellen. Dies erfordert mehr als nur einen kritischen Diskurs, sondern auch Aushandlungsprozesse mit den dominanten Akteur:innen im Feld – wie mit Sonderpädadagog:innen, Sondereinrichtungen und sonstigen Vertreter:innen traditioneller Vorstellungen von Behinderung. Von zentraler Bedeutung ist hierbei die Verpflichtung, Menschenrechte zu gewährleisten. Alle Staaten, die die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert und damit in eigenes nationales Recht übernommen haben, sind zur Umsetzung der vollen, wirksamen und gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe behinderter Menschen verpflichtet – Deutschland seit dem 26. März 2009. Diese Errungenschaften müssen verteidigt und immer wieder neu erkämpft werden: vor dem Hintergrund neoliberaler und zunehmend rechtsextremistischer und auch (neo)konservativer gesellschaftlicher Diskurse sowie ökonomischer „Sachzwänge“ gegen das Erstarken ableistischer und eugenischer gesellschaftlicher Diskurse.
So stehen wir nach der Aufbruchsstimmung der 2010er Jahre im Widerstand und im Abwehrkampf gegen die staatlichen und politisch-gesellschaftlichen Kräfte, die kritische Forschung zu Nicht_Behinderung und deren akademische Verankerung in Gestalt der emanzipatorischen Disability Studies reduzieren und letztlich verhindern wollen.
Anmerkung der Redaktion:
Hier noch der Link zu einem Protestbrief an die Wissenschaftsministerin von NRW und an die Universität zu Köln, anlässlich der geplanten Streichung der Professur für Disability Studies und der Internationalen Forschungsstelle Disability Studies in Köln, der von KriSol mitinitiiert wurde.