
Die Stadt Jableh am Abend. Gerade ist sie Zentrum illegaler Entführungen alawitischer Mädchen und Frauen. Copyright: Zoya Masoud 2017.
54 Jahre Diktatur und gewaltsame Unterdrückung prägten in Syrien unter Assad Muster exklusiver Opferzuschreibungen. Nach dem Regimewechsel am 8. Dezember 2024 wird das erlebte Leid so behandelt, als sei Anerkennung eine knappe Ressource und nicht eine gemeinsame moralische und ethische Verpflichtung. Dies reproduziert die Mechanismen des Assad-Regimes, Individuen und Gruppen aufgrund ihrer konfessionellen, politischen und ethnischen Zugehörigkeiten ungleich zu behandeln und damit auch die ausgrenzenden Muster binären Denkens: Jene „guten“ Bürger*innen, die der Übergangsregierung treu sind, stehen jenen „schlechten“ Bürger*innen gegenüber, die sich ihr widersetzen. So zeigen sich Kontinuitäten wie auch Brüche in Zuschreibungen bestimmter Gruppen exklusiv als Opfer und Täter. Eine Praxis, die extreme Gewalterfahrungen auf allen Seiten anerkennt, ist Voraussetzung für eine nachhaltige Versöhnung.
Ich wurde in Damaskus geboren, verbrachte dort die ersten 24 Jahre meines Lebens, erlebte die friedlichen Demonstrationen, die im Jahr 2011 begannen, den Ausbruch des Kriegs im Jahr 2012 und seine Auswirkungen. Seit 2015 führe ich Interviews mit Syrer*innen, bei denen ich mich auf die Zerstörung von Kulturerbe und darauf konzentriere, wie das Erleben von Verlust das Kulturerbe (neu) konstituiert (Masoud 2022, 2024, & 2025). Diese Interviews enthalten Zeugnisse über Inhaftierungen und willkürliche Gewalt. Als es nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes im Dezember 2024 zu Massakern an einigen syrischen Gemeinschaften kam, beobachtete und dokumentierte ich die öffentlichen Reaktionen einiger meiner früheren Interviewpartner*innen. Dieses Material bildet die Grundlage für den folgenden Text.
Brüche in der Ära des Diktators
Zu Beginn der friedlichen Demonstrationen gegen das Assad-Regime im Jahr 2011 wurden die sozialen Medien zu einer Arena für hitzige Debatten über die „Wahrheit“. Fast anderthalb Jahrzehnte eines „infra-staatlichen Konflikts“ (Vignal 2014) führten zu einer extremen Polarisierung im virtuellen Raum: Assad-Anhänger*innen löschten ihre Gegner*innen aus ihren Freundeslisten und umgekehrt. Pro-Assad-Medien, bzw. Assad-nahe Massenmedien stellten die friedlichen Demonstrant*innen von 2011 als „Schläferzellen“ und „Brutstätten“ des Terrorismus dar, während die revolutionsfreundlichen Medienkanäle die Demonstrationen als legitimen Akt des Widerstands gegen die Unterdrückungspolitik des Assad-Regimes beschrieben.
Das Regime hatte systematische und weitreichende Menschenrechtsverletzungen gegen die syrische Bevölkerung begangen, darunter willkürliche Inhaftierungen, Folter, Verschleppungen und extrajustizielle Hinrichtungen. Die von einer sunnitischen Mehrheit bewohnten Rebellengebiete wurden von der Assad-Regierung intensiv bombardiert, unterstützt sowohl durch die russische Armee als auch durch schiitische Streitkräfte aus dem Iran und dem Libanon. Verschiedene Berichte interpretierten die schweren Bombardements der syrisch-russischen Koalition als eine Form der Kollektivstrafe (vgl. Vignal 2014, Clerc 2014, Sharp 2016, Abou Zainedin 2021). Die Menschen mussten überall und jederzeit Angst haben, ermordet zu werden. Achille Mbembe bezeichnet solche Konstellationen modernen Terrors als „Todeswelten“ und meint damit „neue und einzigartige Formen der sozialen Existenz, bei der riesige Bevölkerungen Lebensbedingungen unterworfen werden, die sie in den Status lebendiger Toter versetzen“ (Mbembe 2016:92). Viele Syrer*innen flohen aus den Todeswelten und suchten Schutz in Nachbarländern, in Europa und im Rest der Welt.
Nach 14 Jahren Krieg führte eine Miliz namens Hay’at Tahrir al-Sham (HTS), unterstützt von verbündeten türkischen Gruppierungen, eine Koalition militärischer Fraktionen an, die am 27. November 2024 eine Militäroffensive unter dem Namen „Abschreckung der Aggression“ gegen die Truppen Assads startete. Die Offensive war erfolgreich und am frühen Morgen des 8. Dezember 2024 wurde der Sturz des Assad-Regimes offiziell verkündet, nachdem Bashar al-Assad aus Damaskus nach Moskau geflohen war. Das diktatorische Regime der Assad-Familie, das 54 Jahre währte, war zu Ende.
Innerhalb weniger Stunden fluteten Bilder und Videos von nach Syrien zurückkehrenden Geflüchteten sowohl die sozialen wie auch die klassischen Medien. In den darauffolgenden Wochen tauchten Bilder auf, die Befreiungen politischer Gefangener aus Assads Folter- und Sicherheitszentren dokumentierten, Bilder, die zugleich erschreckend und heroisch sind. Das Heldenhafte liegt darin, dass Menschen, die die Gefangenschaft in dunklen unterirdischen Gefängnissen erdulden mussten, nun wieder Sonnenlicht erleben können. Verstörend sind die Fotos, weil sie die extremen Bedingungen zeigen, denen diese Gefangenen teilweise über Jahrzehnte ausgesetzt waren, und die Angst spüren lassen, die jede*r Einzelne in Syrien haben musste, in solche Schreckensanstalten zu geraten.
Gleiche Parolen, andere Namen
Die Auswirkungen des Syrien-Krieges waren zwar überall dramatisch, betrafen jedoch die sunnitischen Rebellengebiete weitaus massiver als die von Minderheiten bewohnten Gebiete (wie auch von Mazur 2021 dokumentiert). Die staatlich kontrollierten Medien des Assad-Regimes stellten die Zerstörungen und Tötungen in den Rebellengebieten nicht als Verbrechen dar, sondern als Kollateralschäden. Während das Regime seine eigenen Opfer als Shahid (Märtyrer) einstufte, bezeichnete es diejenigen, die auf der Seite der Rebellen fielen, als Terroristen. Dieses repressive Muster kollektiver Zuschreibungen stand im Zusammenhang mit der Instrumentalisierung des Minderheitenschutzes als Mittel zur Festigung der eigenen Herrschaft. Insbesondere nachdem sie in den 1970er und 1980er Jahren die sunnitisch-islamische Opposition der Muslimbruderschaft erfolgreich unterdrückt hatten, präsentierten die Assads sich als Bollwerk gegen die Islamisten, die religiöse und ethnische Minderheiten verfolgen würden, sollten sie an die Macht kommen. Tatsächlich aber lebten Minderheitengemeinschaften oft unterhalb der Armutsgrenze ohne angemessene Infrastruktur.
Nach einer kurzen Phase der Hoffnung auf Aussöhnung tauchten die gleichen repressiven Muster mit umgekehrten Vorzeichen wieder auf: Vor dem Zusammenbruch des Assad-Regimes hatten sich Pro-Assad-Parolen einer extremen suizidalen Loyalitätsrhetorik bedient. Zum Beispiel: „Al-Assad au la Ahad“ (entweder Assad oder niemand), „Al-Asad au Nahruq al-Balad“ (entweder Assad oder wir verbrennen das Land). Ende 2025 tauchten in der Region um Deir az-Zour ähnliche Slogans auf, insbesondere geäußert von den al-Asha’er (Beduinengruppen), die sich auf den neuen Interimspräsidenten Ahmed al-Sharaa bezogen. Manche Menschen brachten an ihren Autos Aufschriften an wie „al-Sharaa au Nahruq al-Zare“ (entweder al-Sharaa oder wir verbrennen die Ernte). Diese Parallelität in der Verwendung von Formulierungen und Begriffen ist weder zufällig noch unbedeutend, sondern zeugt von einem anhaltenden Glauben an die Ausübung ausschließlicher Macht.
Die wenige Wochen nach der Flucht Assads aus Syrien einsetzenden Angriffe auf Alawiten wurden noch als „Einzelfälle“ verharmlost. Am 7. März 2025, nach Angriffen bewaffneter alawitischer Assad-Loyalisten auf die neuen Sicherheitskräfte, begannen systematische Massaker an alawitischen Gemeinschaften. Laut UN gab es rund 1.400 Todesopfer, wobei die Zahl der nicht dokumentierten Fälle wahrscheinlich deutlich höher lag. Die Täter, von denen viele dem Verteidigungsministerium der al-Sharaa-Regierung oder mit ihren verbündeten Milizen angehörten, filmten sich selbst und veröffentlichen ihre Verbrechen stolz im Internet (Reuter 2025). Es kam zu massiven und gewaltsamen Vertreibungen alawitischer Familien, zum Beispiel aus den überwiegend alawitischen Dörfern in den ländlichen Gebieten östlich von der Stadt Hama (Syrian for Truth and Justice 2026).
Die staatlich kontrollierten Medien unter Assad hatten friedliche Demonstrierende als mundassun (Eindringlinge) oder Mawtwrun (Rachesuchende) bezeichnet. Viele Familien mussten das Verschwinden von Angehörigen hinnehmen. Teilweise sahen sie ihre Angehörigen nach einer Weile im syrischen Fernsehen wieder, wo sie ihre Beteiligung an Terroranschlägen auf staatliche Einrichtungen gestanden hatten. Diese Geständnisse waren den Opfern unter Folter in Assads „Sicherheitszentren“ abgerungen worden.
Seit al-Sharaas Machtübernahme tauch(t)en in den sozialen Medien häufig Berichte über entführte alawitische Frauen und Mädchen auf. Die Reaktion der Regierung auf Entführungen und sexuelle Versklavung beschränkte sich bislang auf die Veröffentlichung eines Berichts durch das Innenministerium. Er nannte lediglich 42 Verdachtsfälle von Entführungen und kam zu dem Ergebnis, dass davon 41 gefälscht oder unrichtig seien und nur ein Entführungsfall nachgewiesen werden konnte. Zu dieser einzigen Entführung wurden keine weiteren Details genannt (siehe den Bericht von Enab Baladi über die Untersuchung des Innenministeriums, Syrian National News 2025).
Im Laufe der Zeit erhoben immer mehr Familien ihre Stimme, um Aufschluss über den Verbleib ihrer Töchter zu erhalten. Einige weibliche Opfer sexueller Gewalt kehrten zu ihren Familien zurück und traten in Videos auf, die auf den Social-Media-Kanälen der offiziellen syrischen Fernsehsender ausgestrahlt wurden. Diese Videos entstanden unter undurchsichtigen Umständen und zielten darauf ab, die Realität der Entführungen systematisch zu leugnen und zu verharmlosen. Die Erklärungen, die die Frauen für ihr Verschwinden angaben, waren unglaubwürdig: Sie hätten eine Freundin in einer anderen Stadt besucht und vergessen, ihre Familie zu informieren; sie hätten eine Arbeitsstelle in einer weit entfernten Stadt gefunden und seien dorthin gereist, ohne ihre Angehörigen zu benachrichtigen; sie hätten wegen familiärer Belastungen oder der Liebe zu einem anderen Mann ihren Ehemann und ihre Kinder zurückgelassen, ohne diese über ihre Entscheidung zu benachrichtigen. Hier ist wichtig zu wissen, dass die syrische Gesellschaft und die alawitische Gemeinschaft in den Städten und Dörfern der Küstenregion von einem Konservatismus geprägt ist, der ein solches Verhalten von Frauen als inakzeptabel erachtet. Auch hier wiederholt sich in der Ära al-Sharaa die Praxis, falsche Geständnisse zu erzwingen, die schon die Ära Assad prägte.
Das Ausmaß der Diskreditierung, der alawitische Opfer in den sozialen Medien und den staatlich kontrollierten Medien ausgesetzt sind, lässt ein Muster erkennen. Den Frauen wird das Recht genommen, gehört zu werden, und es wird ihnen nicht geglaubt (vgl. die Arbeit und Zusammenfassung der Kampagnendokumentation zu Fällen von Frauenentführungen in Syrien (Februar-Dezember 2025) der Grassroots Kampagne „Stop the Abduction of Syrian Women“ auf Englisch und Arabisch auf deren Social-Media Seite sowie die Berichte auf der Website der Syrian Feminist Lobby (2025, 2026)).
Exklusive Opfer
Seit Anfang 2025 sind meine Social-Media-Feeds voll von Berichten und Nachrichten über schreckliche Vorfälle sexueller Gewalt. Besonders beunruhigend sind Beiträge von Personen aus den Städten und Dörfern, in denen meine Tanten und Cousinen leben – den Orten, an denen ich meine Kindheit in den Ferien bei meiner Großmutter und meinen Verwandten an der syrischen Küste verbrachte. Soziale Medien prägen die Narrative rund um diese Ereignisse; viele geben den Opfern aufgrund ihrer angeblichen Verbindungen zum ehemaligen Regime die Schuld. Komplexe Themen werden in den sozialen Medien stark vereinfacht. Syrer*innen auf der ganzen Welt beteiligten sich an solchen Debatten über die Gewalt gegen alawitische Communities. Dazu zählten unter anderem die Leugnung der Gewalttaten oder die Legitimierung als vermeintlich normale Reaktion nach 54 Jahren unter Assad, sowie die Schuldzuweisung an die Opfer. Einige Personen, die ich vor dem Sturz Assads für meine Forschung interviewt hatte, äußerten diskriminierende Ansichten gegenüber alawitischen Opfern und verbreiteten abwertende Witze über alawitische Frauen. Sie deuteten an, die Frauen seien ihren Männern untreu gewesen, und gaben damit den Opfern die Schuld für die ihnen zugefügte sexuelle Gewalt. Sogar einige meiner weiblichen Gesprächspartnerinnen beteiligten sich an solchen Diskursen in den sozialen Medien.
Die Aussagen meiner ehemaligen Interviewpartner*innen geben Einblicke in verschiedene Gruppen oder Muster von Reaktionen auf die Gewalt gegen alawitische Frauen. Einige Stimmen erkennen die alawitische Opfer an und sprechen sich für ihre Rechte aus. Diejenigen, die das nicht tun, lassen sich in zwei Gruppen unterteilen:
Die erste Gruppe äußert sich nicht gar nicht zu den gewalttätigen Ereignisse, sondern würdigt die Erfolge der Übergangsregierung, ohne die Gräueltaten gegenüber den alawitischen Gemeinschaften zur Kenntnis zu nehmen. Angehörige dieser Gruppe feierten beispielsweise ein am 10. März 2025 geschlossenes Abkommen zwischen dem Interimspräsidenten Ahmad al-Sharaa und Mazlum Ibadi, dem Anführer der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), das die Einbeziehung der Kurd*innen in den politischen Übergangsprozess bekräftigen und ihre Rechte garantieren sollte. Einige meiner ehemaligen Interviewpartner*innen verfassten Social-Media-Posts dazu, unterließen es jedoch, die Verbrechen gegen die Alawit*innen auch nur zu erwähnen. In früheren Aussagen, die noch während der Assad-Ära getätigt wurden, hatten Mitglieder derselben Gruppe allen, die kriminelle Handlungen des Regimes nicht offen verurteilten, Komplizenschaft und indirekte Beteiligung an der Verursachung ihres Leidens vorgeworfen. Dennoch ignorierten sie im März 2025 selbst das Leiden der Alawit*innen.
Die zweite Gruppe meiner Gesprächspartner*innen schwieg nicht. Mitglieder dieser Gruppe reagierten beispielsweise mit dem „Haha“-Emoji und behaupteten, die Betroffenen würden eine „Mazloumiyya“ (vorgetäuschte Opferrolle) einnehmen. Ihrer Ansicht nach instrumentalisierten die Alawit*innen ihre Opferrolle, um das zu untergraben, was die Verfasser der Beiträge als die faire und gerechte Übergangsregierung Syriens betrachteten. Sie bezeichneten alle Personen, die Informationen über sexuelle Gewalt oder die Ermordung von Alawit*innen teilten, als „Fulul“ (Überbleibsel des Assad-Regimes). Die Landschaft in den sozialen Medien polarisierte sich extrem.
Viele meiner Gesprächspartner*innen, die ich vor Dezember 2024 befragt hatte, hatten den Schrecken der Todeswelten erlebt und ihre bisherigen Heimatstädte verlassen – traumatisiert und mit Narben in ihrer persönlichen Lebensgeschichte. Nach dem Sturz des Assad-Regimes erlebten diese Personen einen Moment der Anerkennung. Diejenigen, denen unter dem Assad-Regime ihre Bürgerrechte – etwa auf freie Meinungsäußerung – verweigert und die entweder gewaltsam vertrieben oder inhaftiert worden waren, feierten das, was sie als Sieg betrachten. Dabei gelang es manchen, die Verbrechen gegen die alawitischen Gemeinschaften in Syrien nach Assad zu leugnen oder zu rechtfertigen.
Die Regierung von al-Sharaa etabliert einen hegemonialen Diskurs, der dem des Assad-Regimes in einer Hinsicht sehr ähnlich ist: Sie marginalisiert das Leid bestimmter Gruppierungen, während sie die eigene Gruppe als moralisch überlegen und ihr Leid als singulär darstellt. Dieser Ansatz geht auf Kosten der Anerkennung des Leids anderer. So wird Leid zu einer politischen Kategorie, mit der die eigenen Verbrechen gerechtfertigt werden. In Nachkriegskontexten weltweit sind solche Transformationen ein wiederkehrendes Thema (siehe Druliolle und Brett 2019). Exklusive Gedenkpraktiken werden institutionalisiert und so gefestigt. So veröffentlichen beispielsweise manche Syrer*Innen am ersten Jahrestag der Massaker an Alawit*innen im März 2025 Bilder von Demütigungen von Angehörigen dieser Minderheit in den sozialen Medien. Einige deuteten sogar an, dass der 7. März 2025, der Tag der Eskalation der Übergriffe, eine „Fortsetzung der Revolution“ sei.
Die Übergangsregierung ist bestrebt, das Trauma der „Todeswelten“, das die Syrer*innen durchlebt und überlebt haben, für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Sie versucht, die Traumata in ein Narrativ zu pressen, das ihren Zielen entspricht: die Verfolgung sunnitischer Gemeinschaften, die hauptsächlich von der alawitischen Minderheit ausging. Gleichzeitig spielt die neue Regierung das Leid der Alawit*innen unter ihrer Herrschaft herunter und stellt die Gräueltaten gegen sie als Einzelfälle oder als legitime Rache gegen Täter dar. Diese Behauptung der exklusiven Opferrolle rührt von der Intensität des Leidens und des Zeitpunktes von Gewalt. Ein Gesprächspartner brachte es mit den Worten auf den Punkt: „Wir haben zuerst gelitten.“
Doch worin besteht das sunnitische Trauma? Viele Opfer des Assad-Regimes, die aus sunnitischen Familien stammen, setzen sich heute für alawitische Opfer ein. Einige derjenigen, die heute die Gräueltaten an Alawit*innen bejubeln, schwiegen während der Assad-Ära, insbesondere diejenigen, die in Syrien blieben und nicht vor dem Krieg flohen. Sie leisteten den Opfern Assads keine Unterstützung, unabhängig von deren konfessioneller und ethnischer Herkunft. Jeffrey C. Alesander (2012) definiert kollektive Traumata als „Reflexionen weder individuellen Leidens noch tatsächlicher Ereignisse, sondern als symbolische Darstellung, die diese konstruiert und imaginiert“. Die Unschärfe mentaler Bilder von Traumata entstand, nachdem die Assad-Ära als Inkubator für Abgrenzungsprozesse fungiert hatte, die alle Alawit*innen als Täter*innen und alle Sunnit*innen als Opfer einstufte. Diese angeblich homogenen Gruppen haben in der syrischen Gesellschaft nie als solche existiert: Einige sunnitische Eliten kooperierten mit dem Regime, und einige Alawit*innen lehnten sich gegen das Regime auf und umgekehrt. Das Trauma „nur“ der und „aller“ Sunnit*innen ist ein soziales und politisches Konstrukt.
Multidirektionalität
Ein Hauptproblem solcher Erzählungen sind ihre drastischen Auswirkungen auf Zivilist*innen und ihre Identitäten als Bürger*innen sowie das Zugehörigkeitsgefühl in Syrien nach Assad. Michael Rotherberg (2009) führte das Konzept der Multidirektionalen Erinnerung ein, das über konkurrierende Konzepte des Gedenkens hinausgeht. Es lädt uns dazu ein, Vielstimmigkeiten und Pluralität in unserem Denken über Identitätsdiskurse zuzulassen. Es ist unerlässlich, Räume zu schaffen, die alle Gemeinschaften umfassen, die das als Syrien bekannte geografische Gebiet historisch bewohnt haben. Um unsere Pluralität und Vielfalt wirklich zu feiern, anstatt sie in die vorherrschenden Narrative von Mehrheiten und Minderheiten zu pressen, müssen wir wirtschaftlich, politisch und sozial marginalisierte Gruppen aktiv in den öffentlichen Diskurs einbeziehen. Diese Gruppen sollten befähigt werden, ihr Leid und ihre Rechte auf die Stadt, das Dorf und das kulturelle Erbe zu artikulieren und ihre Identitäten zum Ausdruck zu bringen. Indem sie ihre Forderungen nach Sicherheit, Gerechtigkeit und Würde artikulieren, gestalten sie die Debatte über die Regierungsführung in Syrien mit.
Übergangsregierungen sollten im Diskurs über eine syrische nationale Identität den Pluralismus betonen, der den historischen Erzählungen innewohnt. Es braucht die Förderung demokratischer Räume, in denen vielfältige Identitäten repräsentiert werden können. Die Verwirklichung einer fairen und demokratischen Vertretung erfordert fortlaufende Verhandlungen und einen Dialog über die Grundlagen und Narrative dieser Identitäten sowie die Verpflichtung, die Lebenserfahrungen aller Bürger*innen zu würdigen. Angesichts des komplexen und schmerzhaften Erbes Syriens nach 54 Jahren Diktatur und gewaltsamer Unterdrückung ist dies unerlässlich.
(Dieser Text erschien auf Englisch am 30. März 2026 auf focaal blog unter dem Titel „Of Exclusive Victimhood and its Competitive Narratives in Post-Assad Syria“, https://www.focaalblog.com/2026/03/30/zoya-masoud-of-exclusive-victimhood-and-its-competitive-narratives-in-post-assad-syria/)
Literatur
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