Autor: Katrin Koeppert

  • Die aufschlussreiche Lust, anderen Lust am Faschismusvorwurf vorzuwerfen

    Die aufschlussreiche Lust, anderen Lust am Faschismusvorwurf vorzuwerfen

    Eine deutsche Kuschelecke, Foto: privat

    Es ist ja manchmal allzu komisch. Seit mindestens sechs Jahren beschäftigen sich zahlreiche Aufsätze damit, wie sich Faschismus im Zuge von Finanzkrise, Pandemie, Krieg, Klimawandel, Grenzregimen, Antigenderismus, Polizeigewalt, Staatsräson, Tech-Utopien und AI-Slop begrifflich, epistemologisch, politisch, affektiv oder medialisiert neu verstehen ließe.

    Aber ausgerechnet ein Beitrag, der diese Auseinandersetzungen vollständig ignorieren will, bestimmt jetzt die Wetterlage deutscher Feuilletons. Jan Phillip Reemtsma behauptete in seinem FAZ-Beitrag Anfang Mai, dass die Frage, ob schon Faschismus sei, was wir gerade erleben, einem Bedürfnis entspräche, Zugehörigkeit zu schaffen. Dabei bleibt zum einen unklar, wer Anlass oder Adressat seines Vorwurfs ist. Zum anderen schrumpft er die Komplexität vorliegender Analysen zu einer Angelegenheit von Zusammengehörigkeitsgefühl zusammen. Mit einem Federstreich wird aus der Welt geschafft, dass für Betroffene von Gewalt Zusammengehörigkeit überlebensnotwendig sein kann, und dass für Akademiker:innen, die schon jetzt die Auswirkungen der Einschränkungen von Wissenschaftsfreiheit zu spüren bekommen, die Vergewisserung eines Raumes der Sagbarkeiten existenzielle Qualität haben kann. Die Suchbewegung nach einer Antwort auf die Frage, ob diese Gewalt und diese Eingriffe in die kommunikativen Rechte schon Faschismus sind, ist nach Reemtsma nicht dem Ernst der Lage geschuldet, sondern nur dem Wunsch, sich in der Kuschelecke Gleichgesinnter moralisch überlegen zu fühlen.

    Immerhin ist der Beitrag tatsächlich aufschlussreich hinsichtlich der Weltabgewandtheit, die in seinen Begriffen wie „affektiver Zusammengehörigkeit“ zum Ausdruck kommt. Es wird so getan, als könne sich in der fragmentierten Öffentlichkeit digitaler Kommunikation heutzutage eine vom Wunsch nach Moral angetriebene Gruppe überhaupt noch so zusammenfinden, dass Zugehörigkeit entsteht. Und Affekt wird in einen Gegensatz zu Erkenntnis oder zum Politischen gebracht, als hätten 30 Jahre queer-feministische Affekt- und Medientheorie nicht stattgefunden. Auch die in letzter Zeit unter dem Begriff der „Faschisierung“ angestellten Überlegungen werden geflissentlich ignoriert. Dass „Faschisierung“ ein analytisches Potenzial hat, haben bereits Robin Celikates und Rahel Jaeggi in ihrer Replik auf Reemtsma deutlich gemacht. Um dieses Potenzial zu heben, braucht es aber die erwähnten Affekttheorien, die in der öffentlichen Debatte oft gar nicht vorkommen. Ich setze daher beim Nachdenken über Faschismus/Faschisierung bei den Begriffen der Lust und des Begehrens an. Jedoch ist die Stoßrichtung weniger Deleuze/Guattari, vielmehr geht es mir um einen Faschismusbegriff im Anschluss an Schwarze, queer-feministische Theoriebildung.

    Robin Celikates/Rahel Jaeggi wie auch Alex Demorivić, Carolin Amlinger/Oliver Nachtwey und Ivo Eichhorn beziehen sich in ihren Beiträgen zu der durch Medienengineering hochgejazzten „Faschismusdebatte“ auf Faschisierung als einen primär temporalen Begriff: als einen Begriff der Phase (Demorivić), des Prozesses (Amlinger/Nachtwey, Eichhorn), der Verlaufsform (Celikates/Jaeggi). Diese Autor:innen verwenden Bilder der Bewegung und Beweglichkeit, um der Analogiebildung zwischen historischem Faschismus und gegenwärtigen Formen des Autoritarismus zu begegnen, die Reemtsma so stört, während er sie selbst in seinem Artikel reproduziert. Der Begriff der Faschisierung deutet darauf hin, dass sich in der Wiederholung Differenz herstellt und dass sich in der Differenz das Unvollständige des aus der Vergangenheit auf die Gegenwart projizierten Faschismus zeigt.

    Implizit und womöglich aufgrund der mannigfachen Bezüge auf Horkheimer/Adorno in den Repliken verstellt, ist der Begriff der Faschisierung auch mit dem affektiven Begriff des Begehrens nach Deleuze verknüpft. Faschisierung als Prozess verweist auch auf eine Energie, die das „gesellschaftliche Feld zusammenfügt“ (Deleuze 1996, 29), die uns als Begehren affiziert und uns auf mikropolitischer Ebene mit den Machtformationen verschaltet, die sich im Gefüge des Begehrens ausbreiten (ebd., 21). Paul Morten (2025) hat es bereits umrissen, Simon Stricks angekündigtes Buch legt es nah. Faschismus ist demnach nicht mehr nur aus der molaren Instanz des Staates, des Militärs, der Polizei heraus zu betrachten, sondern aus den Mikro-Gegebenheiten einer „Individualität eines Tages“ (Deleuze 1996, 31), deren Verbindungen den Moment der Konjunktur ausmachen. Die aktuelle Konjunktur des Faschismus entsteht – so ließe sich schlussfolgern – aus den Beziehungen mikropolitischer Ereignisse im Klein-Klein postdigitaler Reaktionskulturen, die sich für einen bestimmten Moment vereinheitlichen. Faschisierung als Begehren ist demnach niemals nur eine auf eine Mangelsituation zurückzuführende Lust an der Zerstörung, wie es Amlinger/Nachtwey (2025) vorschlagen, auch nicht eine natürliche Gegebenheit eines autoritären, destruktiven Charakters oder lustvollen Drangs nach Härte, wie es an der ein oder anderen Stelle bei Eva von Redecker (2026) durchblitzt. Vielmehr scheint Faschisierung insbesondere vor dem Hintergrund fragmentierter algorithmisierter Öffentlichkeiten als ein Heterogenen-Gefüge nachvollziehbar, das sich mehr und mehr über die Beziehungen der digitalen Reaktionskultur (wie Kommentare, Likes, Reposts) zusammensetzt. Diesem Gefüge sind keine Führerfiguren mehr zu entnehmen, strenggenommen noch nicht einmal mehr die Instanz des Geschlechts (Deleuze 1996, 23). Eher stellt es sich als ein Brei dar, in dem man kleben bleibt, wie es von Redecker zum Ausdruck bringt. Paul geht darauf ein, inwiefern man mit einem solchen Begehrensverständnis Faschisierung als etwas verstehen kann, das unter die Haut geht, nur eben nicht als Folge des Gefühls, Teil von Massenbewegung zu sein, sondern als Folge des digitalmedialen affektiven „microtargeting“ (2025, 4). Ich selbst habe es mit der Ringvorlesung „Prompting Fascism“ als Effekt eines durch KI-Technologien und -Rhetoriken erzeugten Bedürfnisses zu fassen versucht, Output nicht mehr zu suchen, herauszufinden oder zu generieren, sondern qua Input befehlen zu wollen.

    Ohne behaupten zu wollen, ein solcher Begriff der Faschisierung könne alles erklären, wird deutlich, inwiefern Affekt der Analyse nicht gegenübersteht. Im Gegenteil: Mit dem Begehrensbegriff als Affektbegriff rücken Epistemologien der Konjunktion ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Mit dem Verweis auf Verbindung lernen wir den Blick nicht mehr auf die Pole Staat und Subjekt, Gewalt und Lust, Tech und Bros zu richten, sondern auf die Relationierungen, die „intersektionalen“ (Crenshaw), „intra-aktiven“ (Barad) und „infra-aktiven“ (Ferreira da Silva) Verhältnisse. Auf den Plan treten Schwarze, queer-feministische Wissensbestände, die in den aktuellen Faschismusanalysen nahezu unkenntlich gemacht sind. Anstelle des Vorwurfs an der Lust am Faschismusvorwurf, den Reemtsma gemacht hat, ist es mir ein Anliegen, diese Wissensbestände hervorzuheben, weil sie die Bedeutung kennen, die Affekte für die Faschismusanalyse haben. Sie sind aber auch wichtig, weil sie ermöglichen, die anthropozentrischen Verengungen der Diskussion zu adressieren, durch ihre Aufmerksamkeit für Relationen und Beziehungen.

    Dabei kann vor allem der Blick auf Denise Ferreira da Silvas (2022) Begriff von Relation helfen. Anhand der Figur der Refraktion fügt sie dem ewig beweglichen Immanenzfeld des Begehrens nach Deleuze/Guattari die Negativität hinzu, die es für ein Verständnis der differentiellen Effekte von Faschisierung braucht. Gemeint ist damit ein Denken von Relation, das der kolonialrassistischen brutalen Szene der Unterdrückung entspringt und im Moment der mit dieser Gewalt einhergehenden Infragestellung (Negativierung) des Status des Menschlichen Faschisierung als eine sich nie nur gegen rassialisierte Menschen und Menschengruppen richtende Auslöschungsdynamik begreifbar macht. Es erlaubt, Faschisierung als etwas zu verstehen, dass sich im Moment der Verfolgung und Vernichtung dieser Menschengruppen immer auch gegen die Auslöschung eines gewissermaßen rassialisierten Landes zum Beispiel in Form der Extraktion von Rohstoffen richtet. Andersherum bedeutet es, dass die Extraktion von Land immer auch als faschistisch in dem Sinne betrachtet werden kann, dass sie gegen bestimmte Menschen gerichtet funktioniert.

    Samir Gandesha (2020) spricht in diesem Zusammenhang folgerichtig von einem Posthumanen Faschismus. Seit der Pandemie und durch Automatisierung und KI – so Gandesha – konzentriere sich Faschismus am Rande eines massiven Dequalifizierungsprozesses von Arbeitskraft auf die Vertiefung der Rohstoffgewinnung. Mit dieser Gewinnung geht die prospektive Obsoleszenz der Menschheit mit der Zerstörung von Welt Hand in Hand, was Gandesha in Rückgriff auf Achille Mbembe als das „Becoming Black of the World“ beschreibt. Auf die Gefahr eines sehr großen Bogens hin scheint mir genau das der springende Punkt zu sein. Mit der Lust, anderen Lust am Faschismusvorwurf vorzuwerfen hingegen werden nur Effekte erzeugt, die uns von den wichtigen Debatten ablenken.

  • Ekel und Erotik des neuen faschistischen Körpers

    Dagmar Herzog: Der neue faschistische Körper, mit einem Nachwort von Alberto Toscano, (Wirklichkeit Books) 2025.

    „(I)n einem Kontext, in dem Propaganda von Aufklärung, Dokumentation und seriöser Recherche oft nicht mehr leicht zu unterscheiden sind“, fand die Debatte um die Authentizität von Bildern, die Hunger und Hungertod in Gaza zeigten, im Sommer 2025 ihren Tiefpunkt: Nicht nur, dass der Journalist Tobias Huch den zu dieser Zeit vermehrt zirkulierenden Bildern absprach, Dokument des gezielten Aushungerns der palästinensischen Zivilbevölkerung durch das israelische Militär zu sein, nahm er den Fall des bis auf die Knochen abgemagerten Jungen Mohammed Zakarias al-Mutawaq zum Anlass, den Palästinenser:innen zu unterstellen, aufgrund ihres Sexualverhaltens genetische Erkrankungen zu provozieren und einen niedrigen Intelligenzquotienten zu haben. Unbeeindruckt von den medizinischen Einschätzungen, die trotz der Vorerkrankung des Jungen klare Anzeichen von Hunger erkennen, und gleichgültig gegenüber unzähligen anderen Bildern, die untergewichtige Kinderkörper zeigen, zielte Huch mit seinem X-Post auf die Degradierung der palästinensischen Bevölkerung, indem er einen Zusammenhang von Behinderung und Sexualmoral herstellte.

    Ebenjener Zusammenhang steht im Zentrum des neuen Buchs der Holocaustforscherin und Geschlechterwissenschaftlerin Dagmar Herzog. „Der neue faschistische Körper“ (2025, Wirklichkeit Books) fügt aktuellen Faschismustheorien ein wichtiges Puzzlestück hinzu. Das Augenmerk des – wie sie es nennt – postmodernen Faschismus liegt auf den „verworrenen Verbindungen zwischen Sexual- und Behinderungspolitik“ (35), die intersektionalen Kategorien Gender, Race und Klasse werden um die wichtige Kategorie der Behinderung ergänzt.

    Ausgehend vom Erfolg der AfD geht Herzog im ersten Kapitel darauf ein, inwiefern der anti-migrantische Rassismus dadurch „sexy“ (9) gemacht wird, dass Ekel vor behinderten Körpern geschürt wird. Die „angstgetriebene (…) Abwertung jeglicher Vulnerabilität“ (9), die über die Erotisierung von (körperlicher) Überlegenheit zum Beispiel in AfD Wahlkampfkampagnen vermittelt wird, zeichnet Herzog anhand von fünf Szenen nach, die nicht zufällig auch die Klaviatur der Staatsräson bespielen. Herzog zeigt dabei unter anderem, wie die Abwertung des arabisch-palästinensischen Körpers bzw. der Intelligenz mit einem deutschen Neid auf jüdische Intelligenz einhergeht, dem antisemitische Motive beigemengt sind. Anhand der genauen Lektüre von Aussagen von Journalisten wie Ulf Poschardt oder Mathias Döpfner arbeitet sie heraus, wie mit dieser affektiven Koppelung von Ekel und Neid einerseits jüdische Gelehrsamkeit für (reputations-)ökonomische Zugewinne umworben wird und andererseits der potenziellen Einwanderung von Palästinenser:innen, die durch den Genozid alles verloren haben, affektiv vorgebeugt werden soll.

    In diesem Sinne – so ließe sich sagen – befinden wir uns in einer Phase der Vorkonditionierung, die Herzog im dritten Kapitel in Anlehnung an George Mosse erläutert. Mosse hatte dargelegt, dass die rassistische Sensibilisierung der Deutschen, die sich spätestens mit Antritt der Nationalsozialist:innen als auserwähltes Volk empfanden, bereits in den 1890er Jahren einsetzte – und zwar entlang der „affektiven Naht“ (48) zwischen dem exterminatorischen Hass auf Behinderung und der sexuellen Aufladung ‚rassenhygienischer‘ Fortpflanzung. Ekel und Erotik sind die Bindungskräfte, die in eine ideale Zukunft wirken, weswegen Herzog in Bezug auf den postmodernen Faschismus nicht vom Backlash, sondern „frontlash“ (24) spricht: Der Angriff greift vorweg und reagiert auf eine Entwicklung zum Beispiel der Migration von Palästinenser:innen, die bisher weder begonnen hat, noch unter den aktuellen politischen Bedingungen der Befriedung des „Nahostkonflikts“ wahrscheinlich ist.

    Affekte sind für einen solchen vorweggreifenden Angriff ausgezeichnete Werkzeuge, weswegen Herzog ihre Aktivierung zum stärksten Bindeglied zwischen postmodernem Faschismus und Nationalsozialismus zählt. Ihre Stimulation, und die offene Absage an ihre Repression, verweist unmittelbar darauf, dass wir uns in der Phase der Faschisierung befinden und nicht mehr nur von Autoritarismus sprechen können. Denn die Gefühlsbindung an den Nationalsozialismus setzte auch schon voraus, die Intimsphäre durchdrungen zu haben und „die innersten Geheimnisse des Verlangens“ (41) preiszugeben, schreibt Herzog im zweiten Kapitel. Auch heute wird durch die Fokussierung auf den vorpolitischen Raum, auf die Gefühle und die Lüste, der Faschismus in den Subjekten vorbereitet und unsere „Geisteshaltung“ (47) affektiv vorkonditioniert.

    Es ist eine wichtige Erkenntnis Herzogs, dass auch schon der historische Faschismus nicht auf ein „biologieversessenes Regime“ (42) reduziert werden konnte, sondern von sozialkonstruktivistischen Theorien der Veränderlichkeit und Formbarkeit von Verlangen ausging. Wir sind nie modern gewesen, auch im historischen Faschismus nicht; so ließe sich in den Worten Bruno Latours nach Herzog schlussfolgern. Schon im Nationalsozialismus finden sich Ansätze einer – in der postmodernen Theoriebildung untersuchten – Vorstellung sozial bedingter Konstruktionen von Begehren. Der postmoderne Faschismus ist daher keine Gegenwartsbeschreibung, sondern gewissermaßen ein Rückwärtsschock. Aimé Césaire prägte das Bild des Schocks, der durch die Anwendung kolonialistischer Verfahren in Europa gegen weiße Europäer:innen während des Nationalsozialismus ausgelöst wurde. Wenngleich die Übertragung dieses Bildes auf den hiesigen Gegenstand nicht ohne Risiken möglich ist, scheint mir die Anwendung postmoderner Verfahren aus der Zeit des Nationalsozialismus der Schock unserer Gegenwart zu sein: Die neu-faschistische Ko-Option der für postmoderne Theoriebildung zentralen Anfechtbarkeit unverrückbarer Wahrheiten (6) stellt als Echo der Vergangenheit des Nationalsozialismus einen Schock für postmoderne Theoriebildung dar. Sie muss erkennen, wie ihre Erkenntnisse gegen sie selbst gerichtet werden können.

    Die gute Nachricht der Erkenntnis der Wandelbarkeit unseres Verlangens und der Anfechtbarkeit von Wahrheit ist: Wir können uns – wie Alberto Toscano es im Anschluss an Walter Benjamin in seinem Nachwort zu Herzogs Buch formuliert – für den Faschismus völlig unbrauchbar machen, indem wir unser Verlangen darauf orientieren, Verletzlichkeit anzunehmen und sie nicht durch fitness-asketische Selbstoptimierung zu verdrängen.