Autor: Christian Strippel

  • Stellvertretende Aufstandsbekämpfung

    Alice von Bieberstein (2026). Counterinsurgency by proxy: on the criminalisation of the Kurdish freedom movement in Germany. Citizenship Studies.

    In ihrem Artikel untersucht Alice von Bieberstein anhand der jahrzehntelangen Kriminalisierung der kurdischen Freiheitsbewegung in Deutschland, wie sich Staatsbürgerschaft in Deutschland durch den Anti-Terror-Staat verändert. Mithilfe ethnografischer Feldforschung – darunter die Teilnahme an Gerichtsverhandlungen, Interviews mit Strafverteidigern und kurdischen Aktivist:innen sowie die Analyse von Geheimdienstberichten und Gerichtsurteilen – zeichnet sie nach, wie Anti-Terror-Gesetzgebung, Vereinsrecht sowie Migrations- und Staatsbürgerschaftsrecht zusammenwirken, um das gesellschaftliche und politische Leben von Kurd:innen zu unterdrücken. Da die Staatsanwaltschaft bestrebt ist, den Anwendungsbereich von § 129 (Gründung einer kriminellen/terroristischen Vereinigung) auszuweiten, um transnationale antifaschistische Mobilisierungen, Klimaaktivismus und direkte Aktionen der Solidarität mit Palästina strafrechtlich zu verfolgen, ist es dringend notwendig, dieses breitere Feld der Kriminalisierung zu untersuchen, seine Logik und Auswirkungen zu analysieren und seine längerfristigen Ursprünge nachzuzeichnen.

    Jedes Jahr verurteilt der deutsche Staat im Rahmen von „Staatsschutzverfahren“ fünf bis sieben Kurd:innen. Sobald ein Fall vor Gericht kommt, endet dieser stets mit einer Verurteilung. Den Angeklagten, von denen vielen in Deutschland aufgrund politischer Verfolgung Asyl gewährt wurde (was später zum Anlass für ihre erneute strafrechtliche Verfolgung diente), wird allerdings nie vorgeworfen, eine Straftat als solche begangen zu haben. Stattdessen wird durch eine Logik der Assoziation und Relationalität eine „Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung“ (§ 129b des deutschen Strafgesetzbuchs) konstruiert, die auf vollkommen legalen Aktivitäten beruht, wie etwa die Anmeldung von Demonstrationen, das Sammeln von Spenden oder die Unterstützung von Wahlkampagnen. Der konzeptionelle Dreh- und Angelpunkt, der dies ermöglicht, ist das Konzept des gesellschaftlichen „Zusammenhalts“, auf den sich Staatsanwälte und Geheimdienstmitarbeiter berufen, um gewöhnliche kurdische Sozialität in die Strafverfolgung von „Terroristen“ und deren „Sympathisanten“ einzubeziehen.

    Die Kriminalisierung geht jedoch über das Strafgesetzbuch und „Terrorismus“-Prozesse hinaus. Kurdischen Einwander:innen wird regelmäßig Asyl, eine Aufenthaltsgenehmigung oder die Staatsbürgerschaft verweigert oder ihr Antrag auf Familienzusammenführung wird abgelehnt, nur weil sie an (legalen) Demonstrationen teilgenommen oder (legale) Vereine besucht haben. In ihrem Artikel zeigt Alice von Bieberstein, wie Asyl-, Aufenthalts- und Staatsbürgerschaftsrecht gegen Einwander:innen instrumentalisiert wird, die keine nachweisbare Straftat begangen haben, sondern lediglich ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und Vereinigungsfreiheit wahrgenommen haben. Die Betroffenen erfahren erst im Nachhinein, dass sie performativen Anforderungen unterworfen waren, die weder gesetzlich festgeschrieben noch öffentlich kommuniziert wurden.

    Im Artikel wird argumentiert, dass diese Repression am besten als eine Form der grenzüberschreitenden und stellvertretenden Aufstandsbekämpfung verstanden werden kann. So wie die Aufstandsbekämpfung in der Türkei die gesamte kurdische Bevölkerung erfasst, zielt der deutsche Staat auf die kurdische Sozialität als solche ab – und dehnt damit die antikurdische Politik der Türkei im Namen geopolitischer Freundschaft auf den deutschen Rechts- und Verwaltungsraum aus. Entscheidend ist dabei, dass die Staatsbürgerschaft nicht nur als Ort der Überwachung nationaler Zugehörigkeitsgrenzen erscheint, sondern auch als Mittel zur Operationalisierung geopolitischer Allianzen.

    https://doi.org/10.1080/13621025.2026.2702591

  • Aufstieg und Kontinuitäten der Anti-Migrations-Linken

    Vinit Ravishankar: The Rise and Rise of the Anti-Migrant Left: Reject Parochialism, Embrace Migration, The Left Berlin, 13. Januar 2025.

    Bei all den Protesten gegen das Einreißen der Brandmauer zur AfD durch Friedrich Merz und seine CDU im Zuge der gemeinsamen Abstimmung für den Fünf-Punkte-Plan zur Verschärfung der Migrationspolitik ging ein wenig unter, dass daran auch das Bündnis Sarah Wagenknecht beteiligt war. Die Partei hatte sich im September 2023 erst gegründet und von der Linken abgespalten, um den Wähler:innen ein – wie es damals hieß – sozialpolitisch linkes und gesellschaftspolitisch konservatives Angebot zu machen. Ein gutes Jahr später steht das Bündnis in migrationspolitischen Fragen so weit rechts, dass selbst eine gemeinsame Politik mit der AfD dort niemanden mehr abzuschrecken scheint. Für The Left Berlin stellt Vinit Ravishankar diese und ähnliche Entwicklungen in Europa und den USA in einen größeren historischen Kontext: vom „Jingo-Socialism“ der US-amerikanischen Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zum Ausschluss der sog. „Gastarbeiter“ aus den Gewerkschaften und Betriebsräten im Nachkriegsdeutschland. Auch wenn, so Ravishankar, eine globalisierte Arbeitsmigration durchaus im Sinne neoliberaler Politik sei, so dürfe daraus für eine Linke nicht folgen, sich nach der Logik nationalstaatlicher Abschottung gegen die ausgebeuteten Migrant:innen zu wenden; vielmehr müsse es darum gehen, sie im Sinne internationaler Solidarität bei ihrer Emanzipation vor Ort zu unterstützen.

    https://www.theleftberlin.com/the-rise-and-rise-of-the-anti-migrant-left/

  • „Sag einfach nur Genozid“ – Die Ein- und Ausladungspolitik als Spiel der institutionellen Selbstvergewisserung

    Avgi Saketopoulou, Just Say Genocide: The Problem of Truth Sadism, The Battleground, 28. November 2024.

    Für The Battleground schildert die Psychoanalytikerin Avgi Saketopoulou ihre Erfahrungen mit dem Sigmund Freud Museum in Wien, das sie zunächst zu einem Interview einlud, dieses dann aber abbrach, als sie Israels Krieg in Gaza als „Genozid“ bezeichnete. Warum, fragt sie, passiert so etwas? Warum holen sich Institutionen palästina-solidarische Stimmen ins Haus, nur um sie dann wieder vor die Tür zu setzen? Für die Autorin ist diese Politik des Ein- und Ausladens ein Symptom: für den Versuch, die zunehmenden Risse und Widersprüche im eigenen Narrativ zu Israel/Palästina dadurch in den Griff zu bekommen, dass man sie – statt  sie ernsthaft zu bearbeiten – von anderen zur Sprache bringen lässt und sie dann mit aller Macht der Institution zurechtweist oder ausschließt. Für palästina-solidarische Menschen wirft dies die Frage auf, wie eine kritische Zusammenarbeit mit solchen Institutionen aussehen könnte, ohne dieses Spiel der institutionellen Selbstvergewisserung mitzuspielen.

    https://thebattleground.eu/2024/11/28/just-say-genocide/