Schlagwort: Faschismus

  • Die aufschlussreiche Lust, anderen Lust am Faschismusvorwurf vorzuwerfen

    Die aufschlussreiche Lust, anderen Lust am Faschismusvorwurf vorzuwerfen

    Eine deutsche Kuschelecke, Foto: privat

    Es ist ja manchmal allzu komisch. Seit mindestens sechs Jahren beschäftigen sich zahlreiche Aufsätze damit, wie sich Faschismus im Zuge von Finanzkrise, Pandemie, Krieg, Klimawandel, Grenzregimen, Antigenderismus, Polizeigewalt, Staatsräson, Tech-Utopien und AI-Slop begrifflich, epistemologisch, politisch, affektiv oder medialisiert neu verstehen ließe.

    Aber ausgerechnet ein Beitrag, der diese Auseinandersetzungen vollständig ignorieren will, bestimmt jetzt die Wetterlage deutscher Feuilletons. Jan Phillip Reemtsma behauptete in seinem FAZ-Beitrag Anfang Mai, dass die Frage, ob schon Faschismus sei, was wir gerade erleben, einem Bedürfnis entspräche, Zugehörigkeit zu schaffen. Dabei bleibt zum einen unklar, wer Anlass oder Adressat seines Vorwurfs ist. Zum anderen schrumpft er die Komplexität vorliegender Analysen zu einer Angelegenheit von Zusammengehörigkeitsgefühl zusammen. Mit einem Federstreich wird aus der Welt geschafft, dass für Betroffene von Gewalt Zusammengehörigkeit überlebensnotwendig sein kann, und dass für Akademiker:innen, die schon jetzt die Auswirkungen der Einschränkungen von Wissenschaftsfreiheit zu spüren bekommen, die Vergewisserung eines Raumes der Sagbarkeiten existenzielle Qualität haben kann. Die Suchbewegung nach einer Antwort auf die Frage, ob diese Gewalt und diese Eingriffe in die kommunikativen Rechte schon Faschismus sind, ist nach Reemtsma nicht dem Ernst der Lage geschuldet, sondern nur dem Wunsch, sich in der Kuschelecke Gleichgesinnter moralisch überlegen zu fühlen.

    Immerhin ist der Beitrag tatsächlich aufschlussreich hinsichtlich der Weltabgewandtheit, die in seinen Begriffen wie „affektiver Zusammengehörigkeit“ zum Ausdruck kommt. Es wird so getan, als könne sich in der fragmentierten Öffentlichkeit digitaler Kommunikation heutzutage eine vom Wunsch nach Moral angetriebene Gruppe überhaupt noch so zusammenfinden, dass Zugehörigkeit entsteht. Und Affekt wird in einen Gegensatz zu Erkenntnis oder zum Politischen gebracht, als hätten 30 Jahre queer-feministische Affekt- und Medientheorie nicht stattgefunden. Auch die in letzter Zeit unter dem Begriff der „Faschisierung“ angestellten Überlegungen werden geflissentlich ignoriert. Dass „Faschisierung“ ein analytisches Potenzial hat, haben bereits Robin Celikates und Rahel Jaeggi in ihrer Replik auf Reemtsma deutlich gemacht. Um dieses Potenzial zu heben, braucht es aber die erwähnten Affekttheorien, die in der öffentlichen Debatte oft gar nicht vorkommen. Ich setze daher beim Nachdenken über Faschismus/Faschisierung bei den Begriffen der Lust und des Begehrens an. Jedoch ist die Stoßrichtung weniger Deleuze/Guattari, vielmehr geht es mir um einen Faschismusbegriff im Anschluss an Schwarze, queer-feministische Theoriebildung.

    Robin Celikates/Rahel Jaeggi wie auch Alex Demorivić, Carolin Amlinger/Oliver Nachtwey und Ivo Eichhorn beziehen sich in ihren Beiträgen zu der durch Medienengineering hochgejazzten „Faschismusdebatte“ auf Faschisierung als einen primär temporalen Begriff: als einen Begriff der Phase (Demorivić), des Prozesses (Amlinger/Nachtwey, Eichhorn), der Verlaufsform (Celikates/Jaeggi). Diese Autor:innen verwenden Bilder der Bewegung und Beweglichkeit, um der Analogiebildung zwischen historischem Faschismus und gegenwärtigen Formen des Autoritarismus zu begegnen, die Reemtsma so stört, während er sie selbst in seinem Artikel reproduziert. Der Begriff der Faschisierung deutet darauf hin, dass sich in der Wiederholung Differenz herstellt und dass sich in der Differenz das Unvollständige des aus der Vergangenheit auf die Gegenwart projizierten Faschismus zeigt.

    Implizit und womöglich aufgrund der mannigfachen Bezüge auf Horkheimer/Adorno in den Repliken verstellt, ist der Begriff der Faschisierung auch mit dem affektiven Begriff des Begehrens nach Deleuze verknüpft. Faschisierung als Prozess verweist auch auf eine Energie, die das „gesellschaftliche Feld zusammenfügt“ (Deleuze 1996, 29), die uns als Begehren affiziert und uns auf mikropolitischer Ebene mit den Machtformationen verschaltet, die sich im Gefüge des Begehrens ausbreiten (ebd., 21). Paul Morten (2025) hat es bereits umrissen, Simon Stricks angekündigtes Buch legt es nah. Faschismus ist demnach nicht mehr nur aus der molaren Instanz des Staates, des Militärs, der Polizei heraus zu betrachten, sondern aus den Mikro-Gegebenheiten einer „Individualität eines Tages“ (Deleuze 1996, 31), deren Verbindungen den Moment der Konjunktur ausmachen. Die aktuelle Konjunktur des Faschismus entsteht – so ließe sich schlussfolgern – aus den Beziehungen mikropolitischer Ereignisse im Klein-Klein postdigitaler Reaktionskulturen, die sich für einen bestimmten Moment vereinheitlichen. Faschisierung als Begehren ist demnach niemals nur eine auf eine Mangelsituation zurückzuführende Lust an der Zerstörung, wie es Amlinger/Nachtwey (2025) vorschlagen, auch nicht eine natürliche Gegebenheit eines autoritären, destruktiven Charakters oder lustvollen Drangs nach Härte, wie es an der ein oder anderen Stelle bei Eva von Redecker (2026) durchblitzt. Vielmehr scheint Faschisierung insbesondere vor dem Hintergrund fragmentierter algorithmisierter Öffentlichkeiten als ein Heterogenen-Gefüge nachvollziehbar, das sich mehr und mehr über die Beziehungen der digitalen Reaktionskultur (wie Kommentare, Likes, Reposts) zusammensetzt. Diesem Gefüge sind keine Führerfiguren mehr zu entnehmen, strenggenommen noch nicht einmal mehr die Instanz des Geschlechts (Deleuze 1996, 23). Eher stellt es sich als ein Brei dar, in dem man kleben bleibt, wie es von Redecker zum Ausdruck bringt. Paul geht darauf ein, inwiefern man mit einem solchen Begehrensverständnis Faschisierung als etwas verstehen kann, das unter die Haut geht, nur eben nicht als Folge des Gefühls, Teil von Massenbewegung zu sein, sondern als Folge des digitalmedialen affektiven „microtargeting“ (2025, 4). Ich selbst habe es mit der Ringvorlesung „Prompting Fascism“ als Effekt eines durch KI-Technologien und -Rhetoriken erzeugten Bedürfnisses zu fassen versucht, Output nicht mehr zu suchen, herauszufinden oder zu generieren, sondern qua Input befehlen zu wollen.

    Ohne behaupten zu wollen, ein solcher Begriff der Faschisierung könne alles erklären, wird deutlich, inwiefern Affekt der Analyse nicht gegenübersteht. Im Gegenteil: Mit dem Begehrensbegriff als Affektbegriff rücken Epistemologien der Konjunktion ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Mit dem Verweis auf Verbindung lernen wir den Blick nicht mehr auf die Pole Staat und Subjekt, Gewalt und Lust, Tech und Bros zu richten, sondern auf die Relationierungen, die „intersektionalen“ (Crenshaw), „intra-aktiven“ (Barad) und „infra-aktiven“ (Ferreira da Silva) Verhältnisse. Auf den Plan treten Schwarze, queer-feministische Wissensbestände, die in den aktuellen Faschismusanalysen nahezu unkenntlich gemacht sind. Anstelle des Vorwurfs an der Lust am Faschismusvorwurf, den Reemtsma gemacht hat, ist es mir ein Anliegen, diese Wissensbestände hervorzuheben, weil sie die Bedeutung kennen, die Affekte für die Faschismusanalyse haben. Sie sind aber auch wichtig, weil sie ermöglichen, die anthropozentrischen Verengungen der Diskussion zu adressieren, durch ihre Aufmerksamkeit für Relationen und Beziehungen.

    Dabei kann vor allem der Blick auf Denise Ferreira da Silvas (2022) Begriff von Relation helfen. Anhand der Figur der Refraktion fügt sie dem ewig beweglichen Immanenzfeld des Begehrens nach Deleuze/Guattari die Negativität hinzu, die es für ein Verständnis der differentiellen Effekte von Faschisierung braucht. Gemeint ist damit ein Denken von Relation, das der kolonialrassistischen brutalen Szene der Unterdrückung entspringt und im Moment der mit dieser Gewalt einhergehenden Infragestellung (Negativierung) des Status des Menschlichen Faschisierung als eine sich nie nur gegen rassialisierte Menschen und Menschengruppen richtende Auslöschungsdynamik begreifbar macht. Es erlaubt, Faschisierung als etwas zu verstehen, dass sich im Moment der Verfolgung und Vernichtung dieser Menschengruppen immer auch gegen die Auslöschung eines gewissermaßen rassialisierten Landes zum Beispiel in Form der Extraktion von Rohstoffen richtet. Andersherum bedeutet es, dass die Extraktion von Land immer auch als faschistisch in dem Sinne betrachtet werden kann, dass sie gegen bestimmte Menschen gerichtet funktioniert.

    Samir Gandesha (2020) spricht in diesem Zusammenhang folgerichtig von einem Posthumanen Faschismus. Seit der Pandemie und durch Automatisierung und KI – so Gandesha – konzentriere sich Faschismus am Rande eines massiven Dequalifizierungsprozesses von Arbeitskraft auf die Vertiefung der Rohstoffgewinnung. Mit dieser Gewinnung geht die prospektive Obsoleszenz der Menschheit mit der Zerstörung von Welt Hand in Hand, was Gandesha in Rückgriff auf Achille Mbembe als das „Becoming Black of the World“ beschreibt. Auf die Gefahr eines sehr großen Bogens hin scheint mir genau das der springende Punkt zu sein. Mit der Lust, anderen Lust am Faschismusvorwurf vorzuwerfen hingegen werden nur Effekte erzeugt, die uns von den wichtigen Debatten ablenken.

  • Überschuss-Faschismus

    Daniel Loick, Vanessa E. Thompson (2026). Surplus fascism: Reflections on current tendencies of abandonment in Germany and beyond. New German Critique, 53(1), 203–223.

    In dem Aufsatz entwickeln Daniel Loick und Vanessa E. Thompson die These, dass gegenwärtige autoritäre und faschistische Entwicklungen weltweit nicht als politische Ausnahmen oder bloße Reaktionen auf kurzfristige Krisen verstanden werden sollten. Sie seien vielmehr strukturelle Antworten auf tiefgreifende Veränderungen moderner kapitalistischer Gesellschaften und gingen aus ihnen hervor, insbesondere auf die zunehmende Produktion sogenannter „überflüssiger“ Bevölkerungsgruppen. Denn die gravierenden strukturellen Ungleichheiten der globalen politischen Ökonomie ließen sich nicht mehr weiter einfach durch konsensuelle Mechanismen eindämmen. Faschismus erscheint dabei nicht als Gegensatz zum bestehenden System, sondern als eine Zuspitzung seiner inneren Logiken und Vertiefung bestehender Herrschaftsverhältnisse. 

    Ausgangspunkt der Analyse ist die Beobachtung, dass rechte und autoritäre Bewegungen international sehr ähnliche Feindbilder konstruieren. Migrant:innen, Geflüchtete, arme oder arbeitslose Menschen, feministische und queere Personen sowie politische Gegner:innen werden als Bedrohung einer vermeintlich natürlichen sozialen Ordnung dargestellt. Diese Gemeinsamkeit deutet darauf hin, dass solche politischen Entwicklungen nicht primär national erklärbar sind, sondern auf globale soziale und ökonomische Dynamiken zurückgehen. Entscheidend ist dabei die Vorstellung, bestimmte Gruppen seien „zu viele“ oder gesellschaftlich überflüssig.

    Zur theoretischen Erklärung greifen wir auf Karl Marx’ Konzept der „relativen Überbevölkerung“ zurück. Kapitalistische Produktionsweisen erzeugen demnach notwendigerweise Menschen, deren Arbeitskraft nicht mehr benötigt wird. Technologische Entwicklung, wirtschaftliche Konkurrenz und strukturelle Ungleichheiten führen dazu, dass wachsende Teile der Bevölkerung dauerhaft aus gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden. Diese Menschen werden nicht nur ökonomisch marginalisiert, sondern zunehmend als soziale Last oder Gefahr konstruiert und wahrgenommen. Das Versprechen faschistischer Politiken besteht darin, diese überflüssigen Gruppen durch Abschiebung, Kriminalisierung, organisierte Vernachlässigung oder sogar physische Vernichtung zu beseitigen. 

    Zurzeit überschneiden sich mehrere Krisenprozesse: eine Krise kapitalistischer Überakkumulation, eine Krise nationalstaatlicher Integration, der Wandel traditioneller Geschlechterordnungen sowie die andauernde ökologische Krise. Faschismus erscheint dabei als affektive und politische Reaktion auf eine Situation, in sich immer mehr Menschen von der Gefahr bedroht sehen, selbst überflüssig zu werden. Aufbauend auf marxistischer und kritischer Theorie, psychoanalytischen Ansätzen sowie radikalen schwarzen und antikolonialen Kritiken argumentieren wir, dass autoritäre Subjekte ihre eigenen Ängste vor realem oder symbolischem Statusverlust verdrängen, indem sie andere Gruppen als „abjekt“ oder verwerflich markieren. Die Bestrafung dieser Gruppen erzeugt ein Gefühl moralischer Überlegenheit und Kontrolle. Gewalt und Ausschluss fungieren somit nicht nur als politische Strategien, sondern auch als emotional befriedigende Praktiken, die ein bedrohtes Selbstbild stabilisieren. 

    Politisch zeigt sich diese Dynamik besonders in der Ausweitung staatlicher Straf- und Kontrollmechanismen. Verschärfte Migrationspolitik, intensiviertes Polizieren, Kriminalisierung von Protestbewegungen oder die zunehmende Kontrolle öffentlicher Räume sind Formen einer karzeralen Politik, die darauf abzielt, überschüssige Bevölkerungen zu verwalten, zu isolieren oder zu verdrängen. Beispiele im deutschen Kontext sind zum einen die Repression gegen die Palästina-Solidaritätsbewegung, zum anderen der sich verschärfende rassistische Ausschuss von Geflüchteten und Migrant:innen. 

    Wenn wir Faschismus nicht als Gegenteil, sondern als Extremform des liberal-kapitalistischen Status Quo verstehen, der durch staatliche und ökonomische Praktiken immer wieder Menschen für ihre Entsorgbarkeit vorbereitet, dann kann er nicht durch eine bloße Verteidigung der bestehenden politischen Institutionen bekämpft werden. Da die Produktion von „Überflüssigkeit“ im kapitalistischen System selbst angelegt ist, kann antifaschistische Politik nicht lediglich auf Integration oder Reform setzen. Stattdessen schlagen wir eine abolitionistische Perspektive vor, die die kapitalistische Gesellschaftsform abschafft, soziale Institutionen grundlegend neu aufbaut und sich an den Erfahrungen und Kämpfen marginalisierter Gruppen orientiert. Eine solche Politik zielt darauf, gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, in denen niemand mehr überflüssig ist. 

    https://doi.org/10.1215/0094033X-12158867

  • Indiens nicht erklärter Ausnahmezustand

    Arvind Narrain: India’s Undeclared Emergency : Constitutionalism and the Politics of Resistance, Chennai  (Context, an imprint of Westland Publications Private Limited) 2021.

    „Der Doppelstaat“ wird wiederentdeckt. Ernst Fraenkels Studie des NS Staates, 1938 noch in Deutschland verfasst und im amerikanischen Exil überarbeitet, bietet mit der Unterscheidung von Normenstaat und Maßnahmenstaat das analytische Werkzeug, um auch gegenwärtige Prozesse zu begreifen. In der Zeit verweist Heinrich Wefing auf einen Essay von Aziz Huq, der Fraenkels Begriffe auf die USA unter Trump anwendet. Ein polnischer Verfassungsrechtler hatte Wefing bereits auf den „Doppelstaat“ aufmerksam gemacht, um den polnischen Staatsumbau zu verstehen.

    Tatsächlich sind die USA unter Trump nicht Vorreiter in der Wende, die von manchen als autoritär und anderen als faschistisch beschrieben wird. Zwar haben sie eine besondere Strahlkraft und können insofern doch zum Modell der neuen Ordnung werden. Aber sie lenken auch ab, weil die Verhältnisse dort als Auswuchs eines letztlich fremden, spezifisch US-amerikanischen politischen Systems und in Europa so nicht existierender gesellschaftlicher Lager verstanden werden können, und die Affinitäten zu Prozessen hierzulande nicht sogleich sichtbar sind. In vielerlei Hinsicht können die Maßnahmen anderer Regierungen, weniger spektakulär und theatralisch, uns viel deutlicher darauf aufmerksam machen, wie sich der Umbau zu einem Doppelstaat vollzieht.

    Arvind Narrain, indischer Jurist, hat den Begriff des Doppelstaats in seinem bereits 2021 erschienenen Buch „India’s Undeclared Emergency: Constitutionalism and the Politics of Resistance“ aufgegriffen, um die Vorgänge im gegenwärtigen Indien zu beschreiben. Indien unter der hindu-nationalistischen Regierung von Narendra Modi könnte als das erfolgreichste und international am wenigsten problematisierte Beispiel der Etablierung eines Doppelstaats gelten.

    Narrain argumentiert, dass Indiens Verfassung schon immer beide Tendenzen des Doppelstaats in sich vereint habe, dass jedoch unter der seit 2014 regierenden BJP (Bharatiya Janata Party) der Maßnahmenstaat den Normenstaat mehr und mehr überschatte – ermöglicht durch Gesetze wie den UAPA (Unlawful Activities Prevention Act), die die Exekutivvollmachten enorm ausweiten, und die zunehmend der richterlichen Kontrolle enthobenen Exekutivmaßnahmen.

    Narrain definiert das Konzept des Maßnahmenstaates in Anlehnung an Fraenkel als einen Bereich innerhalb des Staates, in dem die Exekutive ohne Einschränkungen und außerhalb oder über gesetzliche Beschränkungen und verfassungsrechtliche Prozesse hinweg agiert. Er sieht den indischen Maßnahmenstaat insbesondere in der Verwendung der (gesetzlichen) Präventivhaft, in den nationalen Sicherheitsgesetzen und den außerordentlichen Exekutivverordnungen. Durch letztere werden gerichtliche Überprüfungen von Exekutivhandeln, aber auch grundlegende Schutzklauseln im Strafrecht zunehmend ausser Kraft gesetzt. Die Polizei führt willkürliche Verhaftungen und Inhaftierungen durch, ohne dass es eine nennenswerte gerichtliche Kontrolle gibt. Die Exekutive erlässt Verordnungen und Verwaltungsanordnungen, die gesetzliche Schutzvorkehrungen umgehen. Die Zurückhaltung der Justiz, solche Übergriffe zu kontrollieren, führt zu einer Situation, in der Institutionen und Einzelpersonen willkürlicher staatlicher Unterdrückung ausgesetzt sind. Damit ist der Maßnahmenstaat im Sinne Fraenkels etabliert.

    Narrain plädiert für eine Strategie des „verfassungsmäßigen Widerstands“. 2021 war er noch zuversichtlich, dass Bürger:innen, Zivilgesellschaft, Jurist:innen und demokratische Institutionen den Normenstaat verteidigen könnten und dies auch tun würden.

    Nun wird aber zunehmend deutlich, dass der Doppelstaat immer und überall nicht nur den Abbau der Kontrolle der Exekutive, sondern auch Straffreiheit für Vergehen und Verbrechen von zivilgesellschaftlichen Akteuren verspricht. In Indien sind das Lynchmorde an Muslimen und Pogrome. Der Doppelstaat ist immer ein Staat der Mittäter:innen. Und er kann durchaus demokratisch sein. Auch darauf verweist das indische Beispiel. Es gibt für das Modi-Regime keine Notwendigkeit, die Demokratie abzuschaffen, denn der indische Doppelstaat erfreut sich breiter Unterstützung in großen Teilen der Bevölkerung, die sich auch in den Wahlen niederschlägt. Die autoritäre oder faschistische Wende braucht keine diktatorische Staatsform. Genau das macht aber Fraenkels Begriffe auch für die deutsche und europäische Gegenwart so aktuell und wichtig.

  • Ekel und Erotik des neuen faschistischen Körpers

    Dagmar Herzog: Der neue faschistische Körper, mit einem Nachwort von Alberto Toscano, (Wirklichkeit Books) 2025.

    „(I)n einem Kontext, in dem Propaganda von Aufklärung, Dokumentation und seriöser Recherche oft nicht mehr leicht zu unterscheiden sind“, fand die Debatte um die Authentizität von Bildern, die Hunger und Hungertod in Gaza zeigten, im Sommer 2025 ihren Tiefpunkt: Nicht nur, dass der Journalist Tobias Huch den zu dieser Zeit vermehrt zirkulierenden Bildern absprach, Dokument des gezielten Aushungerns der palästinensischen Zivilbevölkerung durch das israelische Militär zu sein, nahm er den Fall des bis auf die Knochen abgemagerten Jungen Mohammed Zakarias al-Mutawaq zum Anlass, den Palästinenser:innen zu unterstellen, aufgrund ihres Sexualverhaltens genetische Erkrankungen zu provozieren und einen niedrigen Intelligenzquotienten zu haben. Unbeeindruckt von den medizinischen Einschätzungen, die trotz der Vorerkrankung des Jungen klare Anzeichen von Hunger erkennen, und gleichgültig gegenüber unzähligen anderen Bildern, die untergewichtige Kinderkörper zeigen, zielte Huch mit seinem X-Post auf die Degradierung der palästinensischen Bevölkerung, indem er einen Zusammenhang von Behinderung und Sexualmoral herstellte.

    Ebenjener Zusammenhang steht im Zentrum des neuen Buchs der Holocaustforscherin und Geschlechterwissenschaftlerin Dagmar Herzog. „Der neue faschistische Körper“ (2025, Wirklichkeit Books) fügt aktuellen Faschismustheorien ein wichtiges Puzzlestück hinzu. Das Augenmerk des – wie sie es nennt – postmodernen Faschismus liegt auf den „verworrenen Verbindungen zwischen Sexual- und Behinderungspolitik“ (35), die intersektionalen Kategorien Gender, Race und Klasse werden um die wichtige Kategorie der Behinderung ergänzt.

    Ausgehend vom Erfolg der AfD geht Herzog im ersten Kapitel darauf ein, inwiefern der anti-migrantische Rassismus dadurch „sexy“ (9) gemacht wird, dass Ekel vor behinderten Körpern geschürt wird. Die „angstgetriebene (…) Abwertung jeglicher Vulnerabilität“ (9), die über die Erotisierung von (körperlicher) Überlegenheit zum Beispiel in AfD Wahlkampfkampagnen vermittelt wird, zeichnet Herzog anhand von fünf Szenen nach, die nicht zufällig auch die Klaviatur der Staatsräson bespielen. Herzog zeigt dabei unter anderem, wie die Abwertung des arabisch-palästinensischen Körpers bzw. der Intelligenz mit einem deutschen Neid auf jüdische Intelligenz einhergeht, dem antisemitische Motive beigemengt sind. Anhand der genauen Lektüre von Aussagen von Journalisten wie Ulf Poschardt oder Mathias Döpfner arbeitet sie heraus, wie mit dieser affektiven Koppelung von Ekel und Neid einerseits jüdische Gelehrsamkeit für (reputations-)ökonomische Zugewinne umworben wird und andererseits der potenziellen Einwanderung von Palästinenser:innen, die durch den Genozid alles verloren haben, affektiv vorgebeugt werden soll.

    In diesem Sinne – so ließe sich sagen – befinden wir uns in einer Phase der Vorkonditionierung, die Herzog im dritten Kapitel in Anlehnung an George Mosse erläutert. Mosse hatte dargelegt, dass die rassistische Sensibilisierung der Deutschen, die sich spätestens mit Antritt der Nationalsozialist:innen als auserwähltes Volk empfanden, bereits in den 1890er Jahren einsetzte – und zwar entlang der „affektiven Naht“ (48) zwischen dem exterminatorischen Hass auf Behinderung und der sexuellen Aufladung ‚rassenhygienischer‘ Fortpflanzung. Ekel und Erotik sind die Bindungskräfte, die in eine ideale Zukunft wirken, weswegen Herzog in Bezug auf den postmodernen Faschismus nicht vom Backlash, sondern „frontlash“ (24) spricht: Der Angriff greift vorweg und reagiert auf eine Entwicklung zum Beispiel der Migration von Palästinenser:innen, die bisher weder begonnen hat, noch unter den aktuellen politischen Bedingungen der Befriedung des „Nahostkonflikts“ wahrscheinlich ist.

    Affekte sind für einen solchen vorweggreifenden Angriff ausgezeichnete Werkzeuge, weswegen Herzog ihre Aktivierung zum stärksten Bindeglied zwischen postmodernem Faschismus und Nationalsozialismus zählt. Ihre Stimulation, und die offene Absage an ihre Repression, verweist unmittelbar darauf, dass wir uns in der Phase der Faschisierung befinden und nicht mehr nur von Autoritarismus sprechen können. Denn die Gefühlsbindung an den Nationalsozialismus setzte auch schon voraus, die Intimsphäre durchdrungen zu haben und „die innersten Geheimnisse des Verlangens“ (41) preiszugeben, schreibt Herzog im zweiten Kapitel. Auch heute wird durch die Fokussierung auf den vorpolitischen Raum, auf die Gefühle und die Lüste, der Faschismus in den Subjekten vorbereitet und unsere „Geisteshaltung“ (47) affektiv vorkonditioniert.

    Es ist eine wichtige Erkenntnis Herzogs, dass auch schon der historische Faschismus nicht auf ein „biologieversessenes Regime“ (42) reduziert werden konnte, sondern von sozialkonstruktivistischen Theorien der Veränderlichkeit und Formbarkeit von Verlangen ausging. Wir sind nie modern gewesen, auch im historischen Faschismus nicht; so ließe sich in den Worten Bruno Latours nach Herzog schlussfolgern. Schon im Nationalsozialismus finden sich Ansätze einer – in der postmodernen Theoriebildung untersuchten – Vorstellung sozial bedingter Konstruktionen von Begehren. Der postmoderne Faschismus ist daher keine Gegenwartsbeschreibung, sondern gewissermaßen ein Rückwärtsschock. Aimé Césaire prägte das Bild des Schocks, der durch die Anwendung kolonialistischer Verfahren in Europa gegen weiße Europäer:innen während des Nationalsozialismus ausgelöst wurde. Wenngleich die Übertragung dieses Bildes auf den hiesigen Gegenstand nicht ohne Risiken möglich ist, scheint mir die Anwendung postmoderner Verfahren aus der Zeit des Nationalsozialismus der Schock unserer Gegenwart zu sein: Die neu-faschistische Ko-Option der für postmoderne Theoriebildung zentralen Anfechtbarkeit unverrückbarer Wahrheiten (6) stellt als Echo der Vergangenheit des Nationalsozialismus einen Schock für postmoderne Theoriebildung dar. Sie muss erkennen, wie ihre Erkenntnisse gegen sie selbst gerichtet werden können.

    Die gute Nachricht der Erkenntnis der Wandelbarkeit unseres Verlangens und der Anfechtbarkeit von Wahrheit ist: Wir können uns – wie Alberto Toscano es im Anschluss an Walter Benjamin in seinem Nachwort zu Herzogs Buch formuliert – für den Faschismus völlig unbrauchbar machen, indem wir unser Verlangen darauf orientieren, Verletzlichkeit anzunehmen und sie nicht durch fitness-asketische Selbstoptimierung zu verdrängen.

  • Faschismus – nicht Ausnahmezustand, sondern Normalität

    Alberto Toscano: Spätfaschismus. Rassismus, Kapitalismus und autoritäre Krisenpolitik, aus dem Englischen übersetzt von Jonathan Rößler, Münster (Unrast Verlag) 2025.

    Dass Alberto Toscano mit seinem jüngst auch auf Deutsch erschienen Buch einen Nerv getroffen hat, konnte man Ende Juni in der Berliner Volksbühne sehen. Dort wurde die Buchvorstellung mit prominenten Gästen (Bafta Sarbor, Lama el Khatib und Quinn Slobodian) im fast ausverkauften, großen Saal begangen. Toscano liefert keine Gegenwartsdiagnose à la „das ist jetzt Faschismus“ und lehnt eine Begriffsdefinition, etwa entlang einer Checkliste von Kernmerkmalen, strikt ab. Als orientierungssuchende Leser:in kann einen diese Haltung durchaus frustrieren. Aber man wird fürs Weiterlesen belohnt: vor allem mit einem Denkangebot, den Faschismus nicht als spektakulären Ausnahmezustand, als das radikal Andere von Freiheit und Demokratie zu verstehen, sondern als Potential und Prozess, der gerade auch innerhalb liberaler Demokratien gedeiht und darin von unterschiedlich positionierten Gruppen – entlang von Rasse, Geschlecht und Sexualität – sehr unterschiedlich erfahren wird.

    Das Buch ist in sieben Kapitel untergliedert, die zwar aufeinander aufbauen und sich aufeinander beziehen, aber je nach Interessenlage auch sehr gut einzeln gelesen werden können. Alle Kapitel haben gemeinsam, dass Toscano die ihn inspirierenden Autor:innen ausführlich zu Wort kommen lässt und sie in oft überraschender Weise aufeinander bezieht und miteinander in Verbindung setzt. Ich will hier kurz vor allem zwei Kapitel vorstellen, die ich für besonders wichtig halte: nämlich Kapitel 2: „Racial Fascism“ und Kapitel 3: „Fascist Freedom“.

    Mit Rückgriff auf antikoloniale Denker:innen und Scholars/Aktivist:innen der amerikanischen Black Radical Tradition der 1970er Jahre stellt Toscano in „Racial Fascism“ die gängige historische Einordnung des Faschismus auf den Kopf. Er argumentiert, anknüpfend an Aimé Césaire, W.E.B. DuBois und andere, dass die Brutalität kolonialer Herrschaft und Ausbeutung und die mit Gewalt unterlegten und Gewalt generierenden kapitalistischen Spaltungen der US-amerikanischen Reconstruction als frühe Faschismen zu verstehen seien. Diese hätten die späteren, heute als „historischer Faschismus“ geltenden Regime in Italien, Deutschland, Kroatien etc. der Zwischenkriegszeit vorbereitet und mitgeprägt. In einem zweiten Schritt greift Toscano die Erkenntnis auf, dass Faschismus keinesfalls mit dem „historischen Faschismus“ und seinen Kapitulationen in den 1940er Jahren zu Ende ging – zumindest nicht für diejenigen, die auch in Demokratien brutaler Entrechtung und Gewalt ausgesetzt waren und sind. Er zitiert hier unter anderem aus den Gefängnisschriften von Angela Davies und George Jackson und stellt fest:

    “Jackson and Davis are profoundly aware of the disanalogies between present forms of domination and historical fascism, but they both assert the epistemologically privileged vantage point provided by the view from within a carceral-judicial system that could fairly be described as a racial state of terror. In distinct ways, they can be seen to relay and recode that foundational gesture of anti-racist and Black radical anti-fascism crystallised in Césaire’s Discourse on Colonialism. As the Martinican poet and politician tells it: ‘And then one fine day the bourgeoisie is awakened by a terrific boomerang effect: the gestapos are busy, the prisons fill up, the torturers standing around the racks invent, refine, discuss.’” (Toscano 2023, 32)

    Faschismus und faschisierende Prozesse seien hartnäckig und dennoch oft unsichtbar für diejenigen, die das Privileg haben, nicht direkter Gewalt und Terror ausgesetzt zu sein.

    In dem Kapitel zu „Fascist Freedom“ geht es Toscano um die Klärung des Verhältnisses von Faschismus und Neoliberalismus, das anders verstanden werden müsse. Ich finde dieses Kapitel vor allem deshalb wichtig, weil Faschismus und Neoliberalismus heute als politische Kampfbegriffe eine frustrierende Unklarheit aufweisen, trotzdem ungebrochen relevant erscheinen und derzeit in Gegenwartsdiagnosen eher konkurrieren als zusammengedacht werden. Nach dem Motto: ist das jetzt (noch) Neoliberalismus oder (schon) Faschismus? Für Toscano ist das die falsche Frage. Er zeigt auf, dass die herkömmliche Vorstellung, dass der Neoliberalismus grundsätzlich staatskritisch ist, während der Faschismus jede Form von Freiheit zugunsten der Staatsmacht abschafft, weder theoretisch noch historisch zutrifft. Er zitiert aus den Schriften von Mussolini, Reinhard Höhn, Ludwig von Mises und anderen, um den Nachweis zu führen, dass der Neoliberalismus durchaus für den Staat ist, aber für eine ganz bestimmte Art von Staat, nämlich den, der die Marktkräfte freisetzt und Eigentum verteidigt. Der Faschismus wiederum ist durchaus für Freiheiten, aber nur für ganz bestimmte Freiheiten von privilegierten Gruppen. Auch im Dritten Reich wurden den Anhänger:innen und Ausführenden des Regimes erhebliche Freiheiten zugestanden. Nach Toscano ist es ein Fehler, die „spontaneities and enjoyments that fascism offers to its managers, militants or minions” (Toscano 2023, 61) zu übersehen und nicht erst zu nehmen.

    Wer bis zum Ende weiterliest, wird im kurzen Schlusskapitel dann doch mit zarten definitorischen Ansätzen belohnt. Toscano macht „four interlocking dimensions of the history and experience of fascism” (Toscano 2023, 156) aus, für die er seine Leserschaft sensibilisieren will. Diese sind in aller Kürze: 1) dass es Faschismus schon vor dem „historischen Faschismus“ gab und dass er diesen überlebt hat; 2) dass Faschismus keinesfalls von allen gleich erlebt wird; 3) dass Faschismus sich als ein Modus präventiver Gegengewalt verstehen lässt, mit der auf epochale Paniken (etwa die Panik des „Großen Austauschs“) reagiert wird; und 4) dass Faschismus von seinen Anhänger:innen und Ausführenden nicht nur Unterwerfung fordert, sondern ihnen auch bestimmte Formen von Freiheit bietet – etwa die Freiheit, Gewalt auszuüben und dies zu genießen.

    ↗ www.unrast-verlag.de/produkt/spaetfaschismus/