Schlagwort: Krieg

  • Libanon und die Vermessung Westasiens

    Libanon und die Vermessung Westasiens

    Mann zwischen Trümmern im Libanon, Foto: Courtney Bonneau Photography

    Der Krieg zwischen USA, Israel und Iran hat Westasien in Brand gesetzt – und der Libanon ist erneut eine seiner Frontlinien. Wie so oft im Libanon greift es zu kurz, einzelne militärische Ereignisse isoliert zu betrachten, vielmehr steht der Krieg im Kontext einer umfassenden geopolitischen Neuordnung der Region. Der Libanon ist dabei weniger Akteur und vielmehr Schauplatz einer Entwicklung, die weit über seine eigenen politischen Konflikte hinausreicht.

    In die jüngste Eskalation hineingezogen wurde der Libanon in der Nacht zum 2. März, als die Hizbollah – zwei Tage nach der Tötung des iranischen Diktators Ali Khamenei – eine Rakete auf Israel abfeuerte. Die Ereignisse dieser Nacht erklären die aktuelle Situation allerdings nur begrenzt, denn die Lage an der israelisch-libanesischen Grenze ist bereits seit langem äußerst angespannt: Seit dem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hizbollah im November 2024 griff Israel den Süden des Libanon kontinuierlich weiter an, Berichte sprechen von mehr als 15 000 Verletzungen des Abkommens. Zahlreiche Dörfer wurden zerstört und Wohnhäuser systematisch dem Erdboden gleichgemacht, landwirtschaftliche Flächen verwüstet. Internationale Beobachtende sprechen in diesem Zusammenhang von „Domizid“ – der gezielten Zerstörung von Wohnraum – und „Ökozid“, der ganze Landschaften vernichtet. Der Einsatz von weißem Phosphor und Glyphosat zerstörte Böden und Vegetation und hinterließ langfristige ökologische Schäden. Zugleich hat Israel über Monate hinweg militärisch mobilisiert und etwa 100 000 Reservisten entlang der Grenze stationiert, bevor die Rakete der Hizbollah abgefeuert wurde.

    Israel fordert inzwischen die Evakuierung des gesamten Gebietes südlich des Litani-Flusses sowie der südlichen Vororte Beiruts. Weit über 100 Dörfer sollen geräumt werden, während Luftangriffe im ganzen Land stattfinden. Für den Südlibanon bedeutet dies eine Evakuierung von rund einer Viertelmillion Menschen; in den betroffenen Vororten Beiruts leben zudem nochmal etwa 500 000. Innerhalb weniger Tage wurden mehr als 95 000 Menschen als vertrieben registriert – die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen. Über 200 Menschen, darunter auch Kinder, wurden getötet, rund 800 verletzt.

    Der Litani als strategische Linie

    Der Litani-Fluss ist dabei nicht nur eine geografische Linie. Er markiert eine politische Grenze in einem Raum, der seit Jahren neu vermessen wird. Der Litani ist der längste vollständig im Libanon verlaufende Fluss und eine zentrale Wasserressource für Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung und Energieerzeugung. Zugleich fungiert er seit Jahrzehnten als strategische Linie im Libanon-Israel-Konflikt – nicht zuletzt seit der israelischen „Operation Litani“ von 1978, die den Fluss erstmals explizit zu einer militärisch definierten Sicherheitslinie machte.

    Als Benjamin Netanyahu im September 2024 vor der UN-Generalversammlung sprach, zeichnete er das Bild einer „gesegneten“ Zukunft der wirtschaftlichen Integration Israels mit Staaten Westasiens, dem er das Szenario einer „verfluchten“ Zukunft gegenüberstellte, die durch den iranischen Einfluss in der Region geprägt sei. In dieser Rede sprach er auch davon, wie sich die Region wirtschaftlich entwickeln könnte und wie attraktiv die Gegend um den Litani-Fluss im Süden des Libanon sei.

    Die Vermessung Westasiens

    Solche Bemerkungen stehen im Kontext von Plänen einer umfassenden militärischen, politischen und wirtschaftlichen Neuzeichnung der Region: Ein zentraler Rahmen dafür ist der India–Middle East–Europe Economic Corridor (IMEC), der im September 2023 von den G20 angekündigt wurde. Dieser Korridor soll Indien über die Golfstaaten, Israel und das Mittelmeer mit Europa verbinden, über Eisenbahnlinien, Häfen, Energieinfrastruktur und digitale Netze.

    Solche Projekte etablieren nicht nur neue Infrastrukturen und Transportwege, sie vermessen geopolitische Räume auch auf imperial vermessene Weise neu.

    IMEC steht im Wettbewerb mit Chinas Belt-and-Road-Initiative, die seit Jahren globale Handelsrouten ausbaut. In beiden Fällen dient Infrastruktur als Instrument geopolitischer Macht: Wer Korridore kontrolliert, kontrolliert Handelsströme; und wer Handelsströme kontrolliert, verschiebt politische Gewichte. Der östliche Mittelmeerraum ist hier kein Randgebiet, sondern eine strategisch wichtige Drehscheibe.

    Der Libanon ist durch diese Rolle als geopolitischer Knotenpunkt konkurrierender Interessen gebrandmarkt, immer wieder wird das Land zum Austragungsort größerer Konflikte. Bürgerkrieg, militärische Interventionen, regionale Machtpolitik und internationale Interessen haben einen fragilen Staat hinterlassen, dessen politische Institutionen immer wieder erschüttert werden. Dies verstärkt soziale Ungleichheiten, Klassenkonflikte und die unfaire Verteilung politischer Macht.

    Hizbollah und die Grenzen des libanesischen Staates

    Diese Ungleichgewichte waren etwa für den libanesischen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 und die darauffolgenden Entwicklungen im Land entscheidend. Zwar verliefen viele seiner Frontlinien entlang konfessioneller Zugehörigkeiten, ihn als religiösen Konflikt zu beschreiben, wie es so häufig getan wird, ist jedoch stark verkürzt. So war etwa die schiitische Bevölkerung – lange Zeit die größte, zugleich aber die politisch und wirtschaftlich am stärksten marginalisierte Gemeinschaft des Landes – von diesen strukturellen Spannungen besonders betroffen. Während Teile der sunnitischen, drusischen und maronitisch-christlichen Eliten überproportional viel Einfluss auf Staat, Wirtschaft und Verwaltung ausübten, lebten viele schiitische Gemeinden im Süden des Libanon, in der Bekaa-Ebene und später in den schnell wachsenden Vororten Beiruts unter Bedingungen anhaltender staatlicher Vernachlässigung. Diese Regionen litten über Jahrzehnte unter mangelnder Infrastruktur, schwacher staatlicher Präsenz und begrenzten wirtschaftlichen Perspektiven.

    Aus diesem sozialen und politischen Kontext heraus gewann die Hizbollah ihre gesellschaftliche Basis. Sie formierte sich nach der israelischen Besatzung des Südlibanon 1982 zunächst als Widerstandsbewegung und entwickelte sich zum mächtigsten militärischen und politischen Akteur im Land. Zugleich wurden sie ein wichtiges Instrument iranischer Regionalpolitik und zu einem Akteur, der die politische Handlungsfähigkeit und Souveränität des libanesischen Staates erheblich eingeschränkt hat.

    Entsprechend umstritten ist die Rolle der Hizbollah im libanesischen Staat. Während ihre Anhängerinnen sie als Widerstandsbewegung gegen Israel sehen, argumentieren ihre Kritikerinnen im Libanon seit Jahren, dass die Organisation nicht im Interesse eines souveränen libanesischen Staates, sondern im strategischen Interesse Irans agiert. Dadurch ist sie Teil eines regionalen Machtgefüges, das den Libanon immer wieder in größere geopolitische Konflikte hineinzieht.

    Die gegensätzlichen Bewertungen entstehen zudem nicht im politischen Vakuum. Die Erfahrungen von Krieg, Besatzung und wiederholten Angriffen auf libanesisches Territorium sind Teil der kollektiven Erinnerung des Landes – und machen den Wunsch nach Vergeltung oder Abschreckung, insbesondere für die am stärksten betroffenen Teile der Bevölkerung, nachvollziehbar. Doch liegt gerade darin eine Gefahr für das ohnehin fragile Land, zieht der Wunsch nach Vergeltung den Libanon doch immer wieder in Eskalationsdynamiken hinein, die seine politische Stabilität weiter untergraben. Viele Libanesinnen wünschen sich deshalb einen Staat, der seine Entscheidungen unabhängig von regionalen Machtblöcken treffen kann. 

    Die staatliche Handlungsfähigkeit wird jedoch nicht nur durch die militärische Autonomie der Hizbollah begrenzt. Auch von außen wird sie durch wiederholte militärische Interventionen, Angriffe und Besatzung immer wieder untergraben und nachhaltig erschüttert. Deshalb wäre es auch vermessen, dieser Realität des Libanon mit simplen Antworten zu begegnen, etwa mit der Vorstellung, eine politische Lösung ließe sich auf die Entwaffnung der Hizbollah reduzieren. Die Gemengelage interner politischer Konflikte, regionaler Machtinteressen und militärischer Eskalationen macht die Frage sehr viel komplizierter.

    Linien der Macht

    Heute ist der gesamte Libanon erneut Kriegsschauplatz. Die Luftangriffe treffen mittlerweile nicht nur Grenzregionen, sondern Städte und Infrastruktur im ganzen Land. Dabei beschränken sich die Ereignisse nicht nur auf die Konfrontation zwischen Israel und der Hizbollah, der Libanon steht vielmehr im Zentrum mehrerer verflochtener Konfliktlinien einer angestrebten geopolitischen Neuordnung.

    Eine dieser Linien verläuft entlang des strategischen Konflikts zwischen Iran und USA. Für Teheran ist die Hizbollah ein wichtiger Bestandteil seiner regionalen Abschreckungsstrategie gegenüber Israel. Für Washington und seinen Verbündeten wird genau diese Verbindung als sicherheitspolitisches Problem aufgefasst. Parallel dazu werden in Israel Debatten über territoriale Erweiterungen geführt, die allein mit Sicherheitsinteressen nicht erklärt werden können. Dabei wird – zuletzt etwa von Yair Lapid – auch auf die historische Vorstellung eines „Großisrael“ Bezug genommen. 

    Jüngst berichtete etwa die israelische Zeitung Haaretz über ein Buch mit dem Titel „Alon und der Libanon“, das sich an Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren richtet. Die Geschichte soll Kindern beibringen, dass der Libanon eigentlich zu Israel gehöre. Laut Haaretz wurde das Buch teilweise von der rechtsextremen Siedlerbewegung Uri Tzafon („Awaken, O North“) finanziert. Die Gruppe wirbt offen für eine israelische Besiedlung des Südlibanon. Karten und Werbematerialien zeigen Gebiete südlich des Litani-Flusses – darunter Städte wie Tyre, Bint Jbeil oder Marjeyoun – als Teil eines erweiterten israelischen Territoriums. Libanesische Ortsnamen werden darin durch hebräische Bezeichnungen ersetzt. Auffällig ist, dass jüngste Evakuierungsanordnungen der israelischen Armee (IDF) den Karten dieser Bewegung folgen: Die zur Evakuierung aufgeforderten Gebiete decken sich mit den dort als zukünftige Siedlungsräume markierten Regionen.

    Solche Projekte erinnern an eine politische Praxis, die in der Region längst bekannt ist: Pufferzonen, Sicherheitsstreifen oder militärische Kontrollgebiete, die zunächst als temporäre Maßnahmen eingeführt werden, etablieren sich später als dauerhafte territoriale Realität und bilden die Grundlage für völkerrechtswidrige territoriale Expansion.  

    Neben diesem Kampf um Territorium, der in Begriffen der Sicherheitspolitik geführt wird, gibt es aber auch noch eine zweite Konfliktlinie: den geopolitischen Wettlauf um Infrastrukturkorridore, Handelsrouten und strategische Einflussräume in Westasien.

    Auch der Libanon versucht, in dieser sich neu ordnenden geopolitischen Landschaft eine eigene Position zu finden. Führende libanesische Politikerinnen diskutieren inzwischen offen über eine mögliche Beteiligung des Landes am IMEC. Präsident Joseph Aoun erklärte, der Libanon sei bereit, sich an solchen Initiativen zu beteiligen, sofern dies den nationalen Interessen diene und Libanons logistische Rolle in der Region stärke. Auch Premierminister Nawaf Salam betonte, dass die Einbindung der Häfen von Beirut und Tripoli in neue Handelsrouten für das wirtschaftlich schwer angeschlagene Land eine strategische Chance darstellen könne.

    Offen bleibt jedoch, wie ein Land, das im nahezu dauerhaften Konflikt mit Israel steht, praktisch an einem solchen Projekt teilnehmen könnte. Gerade diese Frage macht deutlich, wie sehr geopolitische Planungen über die politische Realität einzelner Staaten hinweggehen – etwa über die Tatsache, dass der libanesische Staat selbst nicht die Kapazitäten besitzt, die Hizbollah militärisch zu entwaffnen oder seine territoriale Souveränität vollständig durchzusetzen. Vielleicht liegt genau hier der doppelte Sinn der Vermessung Westasiens: sie beschreibt die politische Vermessenheit, mit der Territorien anderer Staaten zu potenziellen Erweiterungsräumen erklärt werden.

    Für den Libanon stellt sich die existenzielle Frage, wie ein Staat, der über Jahrzehnte zum Austragungsort regionaler Konflikte geworden ist, wieder Handlungsspielraum gewinnen kann. Eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel und sicherheitspolitische Zugeständnisse scheinen zu den wenigen verbleibenden Optionen zu gehören, um nicht vollständig zwischen den Interessen regionaler und globaler Mächte zerrieben zu werden. Doch selbst dieser Weg wäre weniger Ausdruck von Souveränität als von Zwang.

    Was dem Libanon zu wünschen wäre, ist etwas anderes: die Möglichkeit, überhaupt wieder selbst über seine politische Zukunft entscheiden zu können – ohne Stellvertreterkriege auf seinem Territorium, ohne wiederkehrende Interventionen von außen und ohne als geopolitischer Durchgangsraum behandelt zu werden.

    Die Hoffnung beginnt genau hier: in der utopischen Vorstellung dessen, was möglich wäre, wenn der Libanon aufhört, Objekt dieser Vermessung zu sein.

    Quellen und Hintergrundmaterial

    Die in diesem Text entwickelten Argumente stützen sich auf Berichte internationaler Medien, Untersuchungen von Menschenrechtsorganisationen, Analysen regionaler Forschungsinstitute sowie Hintergrundgespräche mit Regierungsvertretenden.

    1. Berichte und Monitoring des Konflikts

    2. Menschenrechtsberichte und forensische Untersuchungen

    3. Journalistische Berichterstattung

    4. Geopolitik und Infrastruktur (IMEC)

    5. Wissenschaftliche Literatur

  • Koloniale versus antikoloniale Überschreitungen der Grenze zwischen Zivilisten und Kombattanten

    Nicola Perugini: Between Anti-Colonial Resistance and Colonial Genocide: Gaza at the Limits of International Law, in: The Journal of Imperial and Commonwealth History, November 2025, S. 1–14, doi:10.1080/03086534.2025.2578214.

    Peruginis Artikel zeigt auf einen blinden Fleck im humanitären Völkerrecht hinsichtlich der Anerkennung antikolonialer Kriege. Das Völkerrecht legitimiert in begrenztem Maße antikoloniale Gewalt, in den Zusatzprotokollen von 1977, die das Recht auf bewaffneten Kampf gegen koloniale Besatzung institutionalisiert haben. Perugini zufolge beruht diese Anerkennung aber auf einem statischen, staatszentrierten Regelwerk, in dem die Zivilperson als passives, unparteiisches Opfer imaginiert wird, das Schutz benötigt, und sich nur der Kombattant im antikolonialen Widerstand auch gewaltsam für die Abschaffung der kolonialen Besatzung und Herrschaft einsetzt. Aus der Geschichte wissen wir jedoch, dass antikoloniale Bewegungen das Prinzip der Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten im humanitären Völkerrecht immer in Frage gestellt haben, indem sie die Grenze zwischen beiden in einem kollektiven Kampf verwischten. Aus der Perspektive der Kolonisierten fordert Perugini daher eine „Dekolonisierung der Zivilbevölkerung” im Völkerrecht. Für Perugini zwingt uns diese Perspektive, „die Zivilbevölkerung als eine Figur des Widerstands und nicht der Passivität zu betrachten.” (S. 2)

    Im Kontext des anhaltenden Völkermords Israels in Gaza entscheidet die Unterscheidung zwischen Zivilist:innen und Kombattant:innen über Leben und Tod für die meisten Bewohner:innen Gazas, sicherlich für alle Männer und sogar für männliche Kinder. Wie Perugini hervorhebt, nutzt Israel genau diese Unterscheidung, um all diejenigen ungestraft zu töten, die es wagen, die Grenze zwischen Zivilist:innen und Kombattant:innen zu verwischen. Das aktuelle Beispiel eines lokalen ZDF-Auftragnehmers veranschaulicht ebenfalls, wie Israel und deutsche Medien die gezielte Bekämpfung von Journalist:innen rechtfertigen, indem sie deren Zivilistenstatus in Frage stellen.

    Konkret verweist Perugini unter Bezugnahme auf den Völkermord Israels in Gaza auf zwei dialektisch miteinander verflochtene Formen der Transgression, die im Widerspruch zum humanitären Völkerrecht stehen. Einerseits verschmelzen antikoloniale Kräfte in ihrem antikolonialen Kampf die zivilen und die militärischen Sphären, beispielsweise durch die Infrastruktur von Tunneln, die sowohl kommerziellen als auch militärischen Zwecken dienen. Mit dem Tunnelbau haben palästinensische Widerstandsgruppen die Unterscheidung unterlaufen, um durch „unterirdische Kriegsführung“ (S. 7) „die Asymmetrie des Schlachtfeldes herauszufordern“. Andererseits nutzt der Staat Israel genau diese Nicht-Unterscheidung, um „das kolonisierte Volk als Volk zu vernichten”. Nach Perugini verdeutlichen beide Verstöße gegen das Völkerrecht die Grenzen des Völkerrechts sowie die Beziehung zwischen kolonialem Völkermord und antikolonialem Widerstand in siedlerkolonialen Kontexten.

    Peruginis Aufruf zur Dekolonialisierung des Zivilisten im humanitären Völkerrecht eröffnet uns ein tieferes Verständnis, warum antikolonialer Widerstand die Verwischung zwischen Zivilsten und Kombatanten bedingt, und wie das humanitäre Völkerrecht es Israel ermöglicht, das Recht aufSelbstverteidigung gegen die Kolonisierten zu beanspruchen, indem es den Kolonisierten ihr eigenes Recht auf Selbstverteidigung verweigert. „Diese Umkehrung von Aggression und Verteidigung ist zentral für die koloniale Logik des Völkermords.“ (S. 10)

    https://doi.org/10.1080/03086534.2025.2578214

  • Die Begriffe „Krieg“ und „Genozid“ sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden

    Die Begriffe „Krieg“ und „Genozid“ sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden

    Sowohl in KriSol-internen Debatten als auch beispielsweise in einem Interview mit Omer Bartov im deutschsprachigen Jacobin wurde zuletzt deutlich, dass es innerhalb Palästina-solidarischer Bewegungen erhebliche Vorbehalte gegen den Kriegsbegriff gibt. Stattdessen wird die moralische und politische Beurteilung der Massengewalt gegen Gaza und seine Bevölkerung an den juristischen Genozidbegriff geknüpft – und das obwohl schon länger zu beobachten ist, dass Mitglieder der Bundesregierung diesen Begriff gezielt nutzen, um gerade keine Konsequenzen aus der Gewalt zu ziehen. Sie verweisen darauf, dass erst noch die Gerichte entscheiden müssen, ob tatsächlich ein Genozid verübt wurde oder nicht, oder ignorieren journalistische Nachfragen zu Konsequenzen angesichts des Völkermords mittlerweile gleich gänzlich. Letzteres war etwa in einer Regierungspressekonferenz kurz nach Beginn des fragilen Waffenstillstands im Oktober 2025 der Fall, in der es unter anderem um Erwägungen des Bundeskanzlers zur Wiederaufnahme uneingeschränkter Rüstungsexporte nach Israel ging. Schon länger zeigt sich also, dass sich allein mit dem Genozidbegriff nur schlecht politischer Druck aufbauen lässt. Noch dazu ist keinesfalls sicher, dass die Gerichte in ein paar Jahren tatsächlich urteilen werden, dass die israelische Regierung einen Genozid in Gaza begangen hat.

    Es besteht also reichlich Grund zu der Sorge, dass eine diskursive Verengung auf den Genozidbegriff nicht nur aktuell, sondern insbesondere auch in Zukunft zur Abwehr von Verantwortung und Negierung der Massengewalt genutzt werden kann. Vor diesem Hintergrund plädieren wir für die strategische Aufwertung eines empirisch-analytischen Kriegsbegriffs, der auf beobachtbare Empirie verweist, dabei die politische Bedeutung empirischer Evidenz unterstreicht und sich nicht von juristischen Urteilen abhängig macht.

    Genozidaler Krieg ist nicht weniger grausam als Völkermord

    Der Begriff „Krieg“ wird gerade von denjenigen, die die Massengewalt gegen Palästinenser:innen auf das Schärfste verurteilen und dringend politische Konsequenzen fordern, oft als unangemessen gewertet. Es wird kritisiert, „Krieg“ impliziere Symmetrie – einen Konflikt zwischen zumindest in etwa gleich handlungsfähigen Seiten – und ermögliche so in der Beurteilung der Massengewalt gegen Gaza bothsidesism (so auch in etwa die Begründung der Ablehnung in dem oben verlinkten Interview mit Bartov). Wir teilen die Kritik an bothsideism. Zugleich widersprechen wir als Friedens- und Konfliktforscherinnen dem Eindruck, dass Kriege per se symmetrisch sind. Empirisch ist dies definitiv nicht der Fall.

    „Krieg“ bezeichnet in erster Linie den Umstand, dass Gewalt massenhaft ausgeübt und erlitten wird. Zugegeben: in der quantitativen Forschung wird der Begriff tatsächlich vor allem an der Zahl kampfbasierter Todesfälle („battle-related deaths“) festgemacht, wodurch suggeriert wird, dass Krieg vor allem aus Kampfhandlungen zwischen gegnerischen Seiten bestehe. Die Idee ist hierbei, dass bewaffnete Akteure (mindestens einer von ihnen eine staatliche Armee) einander bekämpfen und dass dabei sowohl Kombattant:inen als auch (unabsichtlich oder in Kauf nehmend) Zivilist:innen getötet werden (siehe etwa Uppsala Conflict Data Program). Allerdings werden solche Definitionen innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung schon lange kritisiert und als unterkomplex bzw. die tatsächlichen Kriegsdynamiken nicht hinreichend abbildend betrachtet. Auf Gaza beispielsweise, wo Zivilist:innen und zivile Infrastruktur direkt und unmittelbar angegriffen, getötet und zerstört wurden, passt die Vorstellung offensichtlich nicht. Direkte Angriffe auf die Zivilbevölkerung gibt es zudem auch in Kriegen, für die sich empirisch keine genozidalen Logiken ausmachen lassen, die also nicht gezielt die Lebens- und Überlebensbedingungen der Angehörigen einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe zerstören, um hier einmal eng bei der Genozidkonvention zu bleiben. Beispiele für nicht-genozidale Gewalt gegen die Zivilbevölkerungen finden sich etwa im Rahmen militärischer Interventionen man denke an die US-Drohnenkriege und den unsäglichen Begriff der „collateral damage“ – und auch in Bürgerkriegen, in denen gerade nicht-staatliche bewaffnete Akteure sich zuweilen über Gewalt gegen die Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln, Arbeitskräften und Zwangsrekrut:innen versorgen.

    Wenn wir in solchen Situationen dennoch von „Krieg“ sprechen und schreiben, so trägt dies nicht zuletzt dem Umstand Rechnung, dass Massengewalt global und historisch betrachtet nur selten symmetrisch war, und dass sie sehr häufig direkt gegen Zivilbevölkerungen gerichtet wurde und wird. Sämtliche Formen kolonialer, und dabei oft genozidaler, Gewalt seit dem 16. Jahrhundert könnten hier als Beispiele dienen. Insofern ist einseitige Massengewalt tatsächlich kein Sonderfall. Eher trifft dies auf den symmetrische Kampf zwischen uniformierten Armeen zu, der in westlichen Vorstellungen fälschlicherweise (nur dank Eurozentrismus) das Bild von Kriegen geprägt hat.

    Wir schlagen deshalb vor, den Kriegsbegriff nicht rundheraus abzulehnen, sondern ihn von eurozentrischen Annahmen symmetrischer Gewalt befreit zu nutzen, um die Relevanz empirisch belegter Gewalt in den Vordergrund zu rücken. Der Vorteil eines solchen Begriffs ist, dass mit ihm massenhafte Gewalt in ganz unterschiedlichen Ausprägungen als moralisch und politisch relevant gekennzeichnet werden kann – denn „Krieg“ ist eine menschengemachte Katastrophe, und der Begriff signalisiert, dass hier Handeln nötig ist. In einem zweiten Schritt geht es dann darum, empirisch zu klären, was die zentralen Charakteristiken des jeweiligen Krieges sind. Ein Vorschlag für die empirische Beschreibung der massenhaften Gewalt in Gaza ist „genozidaler Krieg“: also Massengewalt, an der sich anhand empirischer Beobachtungen plausibel auf Vernichtungsabsichten schließen lässt. Gegenüber Genozid hat „genozidaler Krieg“ den Vorteil, dass er nicht von Gerichten bestätigt werden muss, sondern sich allein auf umfangreich dokumentierte, empirische Beobachtungen stützt – was in der Politik üblicherweise sehr wohl als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage ausreicht! Mit der Verwendung des Kriegsbegriffs kann und sollte also Argumenten entgegengetreten werden, man müsse Gerichtsprozesse abwarten, bevor zum Beispiel Entscheidungen über Konsequenzen im Verhältnis zur israelischen Regierung getroffen werden können. Wie auch immer die Gerichte entscheiden, allein die empirischen Belege sollten Beweis genug sein, dass ein genozidaler Krieg geführt wurde und dass dieser ebenso inakzeptabel ist wie ein gerichtlich festgestellter Völkermord.

    Hiermit sind wir schließlich bei der de facto Hierarchisierung von Leid, die auch Dirk Moses umtreibt und ohne Frage ein Kernproblem des juristischen Genozidbegriffs ist. Dieser soll das schlimmste aller Verbrechen beschreiben und ist dabei so eng gefasst ist, dass die allermeiste Massengewalt nicht darunter gefasst werden kann und so zwangsläufig als „weniger schlimm“ gekennzeichnet wird. Auch hier könnte der Kriegsbegriff langfristig korrigierend wirken, indem er einer solchen Hierarchisierung entgegenwirkt.

    Diskursiv mehrgleisig fahren

    Selbstverständlich ist es auch weiterhin sinnvoll den Genozidbegriff zu nutzen, insbesondere um die Geltung des Völkerrechts einzufordern. Unser zentraler Punkt ist daher, dass es für die Palästina-solidarische Bewegungen unklug ist, politisch und moralisch alles auf eine Karte zu setzen – noch dazu auf das bekannterweise selektiv wirksame und von kolonialen Logiken durchzogene Völkerrecht! Wir sollten diskursiv mehrgleisig fahren, um einer Situation zu entkommen, in der zentrale Akteure Verantwortung für schwerste Verbrechen von sich weisen, und in der die moralische und juristische Verurteilung so eng miteinander verwoben sind, dass zukünftige Freisprüche schlimmstenfalls einer Reinwaschung gleichkämen. Der Begriff „genozidaler Krieg“ gibt uns diese Möglichkeit. 

  • Eine unsichtbare Universität für die Ukraine und den Rest der Welt

    Ostap Sereda, Balázs Trencsényi, Tetiana Zemliakova, Guillaume Lancereau (Hg.): Invisible University for Ukraine. Essays on Democracy at War, Ithaka/London (Cornell University Press) 2024.

    Es ist ein globales Phänomen: Universitäten weltweit sind massiv unter Druck – durch Definanzierung, Unterwerfung unter Marktlogiken, Streichung ganzer Fachbereiche, politische Interventionen und Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit und die Freiheit der Lehre, bis hin zur gezielten, physischen Zerstörung von Universitätsgebäuden und Tötung von Wissenschaftler:innen und zum „Scholastizid“, wenn damit ein ganzes Volk getroffen werden soll. Die Invisible University for Ukraine (IUFU) bietet seit 2022 Onlinekurse für ukrainische Studierende an, um mit ihnen die Kriegserfahrung und die genozidale Bedrohung durch die russische Aggression mit innovativen akademischen Mitteln durchzuarbeiten; fast 1000 Studierende haben bisher davon profitiert. Die vor einem knappen Jahr erschienene Essaysammlung „Invisible University for Ukraine. Essays on Democracy at War“ zeigt mit sehr bewegenden, persönlich gehaltenen Beiträgen von Studierenden und Professor:innen, auf höchstem Reflexionsniveau, im ukrainischen Kontext, was man sich auch in jedem anderen Kontext wünscht: eine neue, ehrliche, vorbehaltlose Weise der universitären Wissensgenerierung.

    „The need for uncommon institutional responses to the autocratic pressure on higher education has been a recurrent topic of discussion since the late 2000s”, schreiben Ostap Sereda und Balázs Trencsényi in der Einleitung; das „westliche“ Modell der universitären Bildung habe in Osteuropa schon damals an Glaubwürdigkeit verloren: „The Invisible University was also a response to this crisis of academia, experimenting, under the pressure of an unprecedented situation of mass dislocation of students and scholars, to relink the educational, research, and civic components in unconventional and innovative ways.” Die Invisible University sieht sich nicht als Solitär, sondern in einem zeit- und ortübergreifenden, ebenfalls unsichtbaren Netz verbunden mit anderen und ähnlichen Initiativen im 20. und 21. Jahrhundert, in einer Geschichte, die in der Einleitung kurz und eindrucksvoll nachgezeichnet wird.

    Diese Initiativen haben und hatten immer ein paar Dinge gemeinsam: die transnationale, globale Perspektive, die sich mit globalen und regionalen Perspektiven verbindet und den nationalen Rahmen überwindet; einen radikaldemokratischen Ansatz, der Dialog will und keine Hierarchien; und die Verbindung der akademischen mit der existentiellen Dimension. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist für die Invisible University for Ukraine der drängende Anlass und setzt sie gleichzeitig unter Spannung: Sie arbeitet zwar gegen den Eurozentrismus an und bedient sich postkolonialer Werkzeuge, sieht sich aber in einem Kampf, in dem es neben dem Überleben auch um das Insistieren auf gemeinsamen „europäischen“ Werten geht. Sie muss aushalten, dass ihr ziviles Engagement in Konflikt mit den Überlebenszwängen des Krieges geraten kann, wenn es gegenüber der eigenen Regierung kritisch wird. Und sie hat das (gelöste) Dilemma, wie sie mit russischen Kolleg:innen umgehen soll, wenn die Arbeit an einem nicht-russozentrischen Verständnis des postsowjetischen Raums ihr Hauptziel ist und russische Staatsinstitutionen konsequent boykottiert werden.

    Die einzelnen Beiträge sind sehr persönlich geschrieben, sie zeigen, wie das Akademische und das Existentielle integriert werden können, und vermitteln ganz unterschiedliche, sich ergänzende Lehren aus dem Krieg. Es sind vor allem die sich durch den Krieg dramatisch ändernden Zeitbegriffe – die andere Temporalität –, die sich tiefgreifend auf das Wissen auswirken. Die Beiträge buchstabieren aus, was das konkret heißt: im täglichen Überlebenskampf mit der „sobering absurdity of death“ (Denys Tereshchenko), wo Opfer verlangt werden, die man bringt oder nicht bringt; im Umgang mit der medialen Seite des Kriegs, dem „digital witnessing“ gegenüber einer volatilen Weltöffentlichkeit, und der Ignoranz auch gutgemeinter Reaktionen; aber vor allem im Neujustieren des Verhältnisses von Teilnehmen und Beobachten in der Forschung und Lehre. Nur im ehrlichen Dialog kann mit neuen Ideen eine offene Zukunft denkbar bleiben – „my war is about creating spaces of dialogue” (Balázs Trencsényi). Das Gefühl eines „professional failure“, des „should have known“ (Diána Vonnák), “wading through unmetabolized experience and a cacophony of guesswork, motivated speech, misinformation, and rudimentary analysis”, wird als eine epistemologische Herausforderung fruchtbar gemacht: “We could call it a fog of war in the epistemic sense, but if we flip this around, this fog is ever-present, the stuff of fieldwork, and navigating it is a predicament of any contemporaneous empirical research.”

    Der Sammelband endet mit einer Übersicht all der Kurse, die die IUFU seit 2022 unterrichtet hat, und den sehr anrührenden und auch lustigen Kurzbiographien der Beiträger:innen im Zeichen des Krieges. Tetiana Zemliakova, zum Beispiel, die sich außer für die IUFU nur noch für die Ontologie der Zeit interessiert:  „She always knew she was living through the last days of historical humankind, but she could never guess these would be so stupid.”

    https://d119vjm4apzmdm.cloudfront.net/open-access/pdfs/9781501782886.pdf