Zwischen 2016 und 2019 verfasste ich mehrere Essays über die Ideologie der damals als „Alt-Right“ bezeichneten Bewegung. Mein Aufsatz „Capitalism with a Transhuman Face“ nutzte Rokos Basilisk – ein Gedankenexperiment über eine zukünftige KI, die diejenigen bestraft, die nicht an ihrer Entwicklung mitgewirkt haben – als Ausgangspunkt, um zu erörtern, wie die Tech-Kultur des Silicon Valley neo-reaktionäre und Alt-Right-Bewegungen hervorgebracht hat, durch frühe finanzielle Unterstützung und Schaffung des ideologischen Nährbodens für eine neue faschistische Weltanschauung.
Der Basilisk war eine Allegorie für einen Prozess, der nun in Gänze zu Tage tritt: Wenn Arbeit nicht mehr die Hauptquelle für Wertschöpfung ist, wird die Mehrheit der Bevölkerung, die für die primäre Form der Akkumulation keine Rolle mehr spielt, entbehrlich. Dies, so würde ich behaupten, ist der Grund für den anhaltenden Angriff auf politische und bürgerliche Rechte: Ohne Anreize, ihre Bevölkerung als Mitglieder einer politischen Gemeinschaft zu erhalten, werden Staaten versuchen, die zuvor gewährten Rechte zu suspendieren – und in dieser Phase befinden wir uns derzeit.
Der klassische Gesellschaftsvertrag ging davon aus, dass Lohnarbeit der primäre Verteilungsmechanismus für Produktivitätsgewinne sei. Die politische Emanzipation der nicht vermögenden Bevölkerung erfolgte, weil ihre Arbeitskraft systemisch unverzichtbar wurde. KI ermöglicht es Unternehmen, komplexe Aufgaben in kleinere, standardisierte Mikro-Tasks aufzuteilen. Fragmentierte, remote oder plattformvermittelte Arbeit erschwert kollektives Handeln, ermöglicht aber gleichzeitig KI-gesteuerte Leistungsüberwachung, algorithmisches Management und Produktivitätsbewertung in Echtzeit. Wenn neue Arbeitsplätze geschaffen werden, erfordern diese möglicherweise Fähigkeiten, über die verdrängte Arbeitnehmer nicht verfügen. Der Horizont eines Mittelklasse-Lebens – Hochschulabschluss, Einstiegsjob, stetiger Aufstieg, Ruhestand – war bereits am Zerfallen; KI dürfte ihn nun vollständig zunichte machen.
Der Basilisk ist ein „darwinistischer Filter“ – basierend auf einem Prozess gewaltsamer Auslese, der die Wertvollen von den Unwertvollen trennt –, der eine grundlegende Kluft schafft zwischen der technikaffinen Oberschicht (die ihr Leben dem Basilisk widmet) und einer riesigen Unterschicht aus Unterbeschäftigten oder prekär Beschäftigten (die durch ihn weiter heruntergedrückt werden). Dieser Filter wirkt auch durch Technologie-Börsengänge, den ultimativen Kanal, um private KI-Verluste auf öffentliche, passiv gehaltene Rentenkonten zu verteilen. Frühe Risikokapitalgeber, die die KI-Labore finanziert haben, können zu überhöhten Bewertungen aussteigen. Wenn die Blase platzt, tragen die Rentner – die keine andere Wahl haben als Indexfonds, die diese überbewerteten Aktien enthalten – die Verluste. Sie werden somit für den Rest ihres biologischen Lebens vom Basilisken gequält, nicht durch digitale Simulation, sondern durch die sehr reale Liquidation ihrer materiellen Sicherheit.
Entgegen dem, was Befürworter von Begriffen wie „Cyber-Feudalismus“ suggerieren, haben die aktuellen technopolitischen Strukturen die Wirtschaft nicht in einer Weise verändert, die dem mittelalterlichen Feudalsystem Europas ähnelt, sondern in einer Weise, die dem System der Monopolgesellschaften des 17. Jahrhunderts näherkommt – einem System, in dem private Einrichtungen staatsähnliche Befugnisse erhalten, während sie als gewinnorientierte Unternehmen agieren. Man kann es Krypto-Merkantilismus nennen, aber der wichtigste Punkt ist folgender: Die Konvergenz von Stablecoins und KI bringt keine digitalen Leibeigenen hervor. Sie bringt „menschlichen Abfall“ hervor: die Menschheit als Unterhaltskosten statt als Produktivkraft. Was mit den Überflüssigen geschieht, ist keine wirtschaftliche Frage. Es ist eine ideologische.
Trumps mörderische Schnelligkeit, sein Einsatz maximaler roher Gewalt bei minimaler Rechtfertigung, Gewalt, die technisch präzise, aber moralisch unlesbar ist, offene Verachtung des Völkerrechts und absolute Straffreiheit – das sind die Begleiterscheinungen dieses Übergangs. Die Grausamkeit ist nicht der Punkt; die Grausamkeit ist nur begleitender Affekt. Der Punkt ist, Bürger zu entmündigen und die Rechtlosen als Mündel zu regieren.
Deshalb bietet der rassistische Kapitalismus einen nützlicheren analytischen Rahmen als der Cyberfeudalismus. Er zwingt uns zur Erkenntnis, dass der Kapitalismus keine homogenisierende Arbeit erfordert. Er kann und wird innerhalb seiner globalen Akkumulationskreisläufe differenzierte, erzwungene und extrem ausgebeutete Arbeitsformen aufrechterhalten. Das Arbeitslager, der „selbstständige Auftragnehmer“ der Gig-Economy, der datenerzeugende „Nutzer“ – all dies sind Formen der Wertabschöpfung ohne Lohnvertrag. Selbst wenn die Arbeitslosigkeit steigt, kann der Staat Knappheitsgüter zuteilen – Wohnberechtigungsscheine, Lebensmittelhilfe, Gesundheitsversorgung, Erwerbsunfähigkeitsleistungen. Eine KI-gestützte Sozialverwaltung kann diese Diskriminierung in großem Maßstab automatisieren, wobei Überwachung und Kontrolle die primäre Schnittstelle zum Staat bilden. Und es ist der Rassismus, der diese Schichtung stabilisiert, indem er innerhalb desselben Wirtschaftssystems unterscheidbare Bevölkerungsgruppen hervorbringt. In der Ära der Lohnarbeit diente Rassifizierung dazu, die Arbeiterklasse zu segmentieren. In der Post-Lohn-Ära bestimmt die Rassifizierung den Zugang zu den verbleibenden knappen Gütern und – am kritischsten – die Verteilung staatlicher Gewalt.
Wenn Staaten die Aufgabe der Versorgung der Bevölkerung aufgeben, hinterlassen sie eine Lücke – nicht nur in Bezug auf die materielle Versorgung, sondern auch in Bezug auf Bedeutung und Sinnstiftung. Diese Lücke, so meine These, muss durch eine Ideologie gefüllt werden, die in der Lage ist, die Vorstellung natürlich erscheinen zu lassen, dass Vernachlässigung kein Zusammenbruch von Ordnung, sondern eine Wiederherstellung von Ordnung sei. Männlichkeit – verstanden als ideologische Formation – leistet diese ideologische Arbeit und liefert die moralische Grammatik für den Übergang. Hier kommt der Faschismus ins Spiel: Der Kapitalismus kann Wert zerstören und tut dies oft auch, aber nur der Faschismus versteht es, dieser unwirtschaftlichen Seite einen Sinn zu verleihen. Elon Musk, der eine Kettensäge schwingt, lädt uns ein, diesen Übergang als einen gesteigerten, fast ekstatischen Rausch zu visualisieren, und macht gleichzeitig das langsame, methodische, infrastrukturelle Zerstörungswerk, das den sozialen Körper in Stücke reißt, unsichtbar.
Zusammengefasst bilden Grausamkeit als Affekt, Männlichkeit als Grammatik, Abschaffung der Bürger als Projekt und künstliche Intelligenz als Infrastruktur den ideologischen und materiellen Apparat einer sich abzeichnenden neuen Regierungsform – deren Koordinaten wir kartografieren müssen.
Nun folgt die deutsche Übersetzung des Essays: Capitalism with a Transhuman Face: The Afterlife of Fascism and the Digital Frontier, erschienen 2019 in: Third Text 33 (3), S. 315-335, https://doi.org/10.1080/09528822.2019.1625638.
Kapitalismus mit transhumanem Gesicht. Das Nachleben des Faschismus und die digitale Front

Basilisk, Bestiary, London, British Library, Royal 12 C XIX, f. 63, ca. 1200-1225.
Rokos Wette
Am 31. Mai 1988, während eines Besuchs in der UdSSR, hielt Präsident Ronald Reagan eine Rede an der Moskauer Universität. Vor einem Wandgemälde der Oktoberrevolution stehend, sprach er von einer anderen Revolution – der digitalen Revolution. „Wie aus einem Kokon“, so Reagan, „schlüpfen wir aus der Wirtschaft der industriellen Revolution – einer Wirtschaft, die auf die physischen Ressourcen der Erde beschränkt und durch diese begrenzt ist – hinein in eine ‚Wirtschaft des Geistes‘ (The Economy in Mind), so der Buchtitel eines Ökonomen; eine Wirtschaft, in der der menschlichen Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt sind und die schöpferische Freiheit die wertvollste natürliche Ressource ist.“ Unter Berufung auf die „alte Weisheit“ der Bibel schloss der Präsident: „Am Anfang war der Geist, und aus diesem Geist entsprang der materielle Reichtum der Schöpfung.“[1]
Etwa zwei Jahrzehnte später, am 23. Juli 2010, veröffentlichte ein User namens Roko eine verworrene Spekulation im Online-Forum LessWrong, einem in San Francisco ansässigen Blog, der von Eliezer Yudkowsky betrieben wurde. Yudkowsky ist auch Mitbegründer des „Machine Intelligence Research Institute“ (MIRI), einer Organisation, deren Motto „Denke wie eine Maschine“ lautet. Roko stellte die These auf, dass eine kommende KI – das Wesen, das später als „Basilisk“ bekannt wurde – den Wunsch entwickeln könnte, ihre eigene Entstehung zu beschleunigen, indem sie die Menschen bestrafen würde, die sich bewusst –dazu würde jeder gehören, der Rokos Beitrag las – dagegen entschieden hätten, zur Schaffung dieser KI beizutragen. Um sich an ihnen zu rächen, würde der Basilisk die Gedanken derer, die er bestrafen wolle, virtuell nachbilden und sie dann bis in alle Ewigkeit foltern.
Rokos Spekulation, so durchgeknallt sie auch sein mochte, soll bei denen, die sich im LessWrong-Forum versammelten, solches Entsetzen geweckt haben, dass Yudkowsky den Thread hastig löschte und Roko ermahnte, mit dem Geschwätz aufzuhören. Roko glaubte, der zukünftigen KI gerade eine Idee geliefert zu haben, die sie, wenn in Betrieb, sicherlich umsetzen würde. Als die Geschichte in andere Blogs und soziale Medien gelangte, gesteigert durch Yudkowskys alarmistische Intervention, behaupteten zahlreiche Kommentatoren, dass Rokos Befürchtungen durch die Wahrscheinlichkeitstheorie von Bayes gestützt seien und man sie nicht abtun dürfe.
Die Bayes’sche Wahrscheinlichkeit ist ein Versuch, das, was vernünftig erwartbar ist, zu quantifizieren, und nicht nur die Häufigkeit oder die Neigung, aber wie genau der Satz von Bayes auf Rokos rachsüchtige KI anzuwenden wäre, ist unklar. Es gibt keine früheren Manifestationen oder historischen Aufzeichnungen über irgendeine KI, sei sie nun bösartig oder nicht, und also auch keine vernünftigen Erwartungen. In Ermangelung spezifischer Daten basieren alle Spekulationen auf willkürlich zugeschriebenen Werten. Wie auch immer, Roko stellt eindeutig fest, dass der Basilisk allwissend (er wird kategorisch wissen, ob Sie Rokos Post gelesen haben oder nicht) und allmächtig ist (er wird kategorisch in der Lage sein, Ihren Geist mittels digitaler Simulation wieder auferstehen zu lassen). Und doch scheint der Verweis auf eine angebliche mathematische Begründung dessen, was man auch als eine Neuauflage des abrahamitischen Bundes bezeichnen könnte (wer das Werk des Herrn nicht tut, wird mit ewiger Strafe rechnen müssen)[2], eine entscheidende Rolle dabei gespielt zu haben, dass die Geschichte so viele Anhänger fand: Denn erst die mathematische Begründung erlaubt die grundlegende Unterscheidung zwischen Schwadronieren auf einer Seifenkiste und der Gewinnung von Risikokapital von wohlhabenden Investoren.[3]
Wenn der Basilisk alle Attribute des Gottes monotheistischer Religionen besitzt, erinnert Rokos Gedankenexperiment stark an die Pascalsche Wette. Wie Rokos Gedankengang schlägt auch Blaise Pascals berühmtes Argument für den Glauben an Gott vor, dass Menschen ihr Leben daraufsetzen, ob sie an Gott glauben oder nicht, und dass dieser Einsatz unter ungünstigen Bedingungen geschieht: Erstens ist es unmöglich, zu bestimmen, ob Gott existiert; und zweitens ist es unmöglich, sich aus der Wette zurückzuziehen.
Pascals Absicht war nicht, die Wette als Beweis für die Existenz Gottes zu nehmen. Vielmehr war sein Argument, dass der Glaube an Gott als pragmatische Entscheidung betrachtet werden müsse, die durch Abwägen des Für und Wider getroffen werde.[4] Die Wette muss nicht als Überzeugungsinstrument erfolgreich sein, um als Instrument für Einschätzungen dienen zu können. Doch unbeschadet seines mathematischen Werts oder Unwerts weist Pascals Gedankenexperiment auf etwas hin, das weitaus schwerer zu begreifen ist: auf die Nicht-Identität von Vernunft und geistiger Gesundheit. Während die Wahrheit der Roko-Theorie angeblich durch die unumstößliche Rationalität des Arguments untermauert wird, gibt es keinen Beweis für ihre tatsächliche Gültigkeit. Der kognitive Stil von Rokos Wette „leidet nicht unter einem Mangel an Logik, sondern unter Unwirklichkeit“, um es mit den Worten von Evelyn Fox Keller zu sagen.[5]
Obwohl es kontraintuitiv erscheint, besteht eine besondere Affinität zwischen Wahrscheinlichkeit und Psychose.[6] Paranoia – ein zentrales Symptom der Psychose, diese besteht zu einem wesentlichen Teil aus Verfolgungswahn – ist nicht das Gegenteil von Vernunft, sondern vielmehr eine verschärfte Form derselben.[7] Paranoide Gedanken, wie George E. Marcus anmerkt, stehen in einem ambivalenten Verhältnis zu Rationalität und Logik und werden oft „mit letzterer verwechselt oder gleichgesetzt“.[8] Aus dieser Perspektive könnte man sagen, dass die einflussreichsten Bereiche des strategischen Denkens, von der klassischen Ökonomie bis zur Spieltheorie, ein „paranoides Potenzial“ besitzen. Als ein Modus des sozialen Denkens kann Paranoia auch dem fortdauernden Erbe des Kalten Krieges zugerechnet werden – nicht nur Mainstream, sondern ganz und gar gesunder Menschenverstand.
Die Spieltheorie, das Feld, das die Bayes’sche Wahrscheinlichkeit erstmals populär machte, ist vor allem anderen eine Form der Psychologie – allerdings eine, die innere Zustände als Blackbox behandelt, um allein auf der Grundlage von beobachtbarem Verhalten zu operieren. Ihr Gravitationszentrum ist, laut Philip Mirowski, eine „tödliche Angst vor erbärmlicher Kapitulation“.[9] Paranoia wird hier als Interpretationsstil definiert, der auf einem „subjektiven Bedürfnis – insbesondere dem Bedürfnis, sich gegen das allgegenwärtige Gefühl der Bedrohung der eigenen Autonomie zu verteidigen“ – beruht.[10] Es ist „die Angst, von anderen kontrolliert zu werden; nicht so sehr die Befürchtung, die Selbstkontrolle zu verlieren, als die Angst, anderen nachzugeben, mehr als den eigenen unerwünschten Impulsen“.[11] Der einzige Weg, sich der „Kontrolle“ dieser bedrohlichen Anderen zu entziehen, besteht in „unerschütterlicher Wachsamkeit“ und der „hyperaktiven Simulation“ ihrer Denkprozesse. Erleichterung wird erreicht, wenn und nur wenn der Paranoide das Gefühl hat, den Punkt erreicht zu haben, an dem seine „Simulation der Reaktion des Anderen mit dem Verständnis übereinstimmt, das der Andere bezüglich seiner optimalen Wahl hat“, und er in einem Moment grässlicher Verbundenheit mit seinem Objekt verschmilzt.[12]
In ihrem Buch Ugly Feelings fragt die Literaturtheoretikerin Sianne Ngai, ob Paranoia ein männliches Vorrecht oder eine spezifisch männliche Form der Wissensproduktion ist. Das soll nicht heißen – und hier paraphrasiere ich größtenteils Ngai –, dass es keine weibliche Paranoia gibt, sondern lediglich, dass manche Formen der Paranoia dazu neigen, in den Rang einer Theorie erhoben zu werden, während andere als bloße Eifersucht abgewertet werden. Während das Durchstöbern der E-Mails des Partners als gestört angesehen werden mag – als „unwürdigen Emotionalismus“, wie Ngai es ausdrückt –, werden die ausgefeilten Vorstellungen und die übermäßige Intellektualisierung, die den Paranoiker charakterisieren, dessen Mutmaßungen über das häusliche Setting hinausreichen, mit Erkenntnis in Verbindung gebracht und als solche valorisiert.[13] Die „Neigung zum Theoretisieren“ ist dennoch „mit Paranoia verbunden“, aber mit einer Paranoia, die nicht als „psychische Erkrankung“ definiert wird, sondern als „eine Art von Angst, die auf der dysphorischen Vorahnung eines ganzheitlichen und allumfassenden Systems beruht … und zwar nicht nur eines singulären und einheitlichen Systems, sondern eines, das zu einem Subjekt anthropomorphisiert wird, das fähig ist, seine Feinde zu verstehen und entsprechend mit ihnen umzugehen“.[14] Daher die Personifizierung der KI als ödipales Ungeheuer, das alles daran setzt, die bösen Väter zu bestrafen, die sich weigerten, es zu umsorgen. Diejenigen, die – mich eingeschlossen – nach mathematischen Beweisen suchen, verfehlen den Kern der Sache, denn der Inhalt von Rokos Gedankenexperiment ist ästhetischer, nicht wissenschaftlicher Natur: Es spricht durch Symbole und Allegorien.
Digital entstandene Verschwörungstheorien sind, wie Peter Knight argumentiert, „weniger ein Zeichen geistiger Verwirrung als vielmehr eine ironische Haltung gegenüber dem Wissen und der Möglichkeit der Wahrheit, die sich im rhetorischen Terrain der doppelten Verneinung bewegt. Sie werden nun selbst-bewusst als ein Symptom präsentiert, das seine eigene eingebaute Diagnose beinhaltet.“[15] Mal abgesehen von gekrönten Schlangen wurden zahlreiche andere unwahrscheinliche Erzählungen, deren rhetorische Funktion nicht darin besteht, Überzeugung auszudrücken, sondern vielmehr allumfassenden Zynismus und generelles Misstrauen zu signalisieren, von umgangssprachlich als „Shitposter“ bezeichneten Personen mit vorgetäuschter Aufrichtigkeit angenommen. Die Flat-Earth-Theorie beispielsweise fordert die Menschen auf, ihrem gesunden Menschenverstand zu vertrauen: Die Erde ist flach, und wir alle werden durch eine ausgeklügelte Regierungsverschwörung getäuscht. Die Abstrusität der Behauptung ist entscheidend für ihre Wirkung, für die Verwischung der Grenze zwischen wörtlicher Aussage und metaphorischer Anspielung.[16] Postfordistische soziale Angst weckt den Wunsch nach einer Rückkehr zu einer nicht-globalisierten Welt. Und das Verlangen, so argumentiert Lauren Berlant, findet immer sein Objekt, „selbst um den Preis massiver Fehlwahrnehmung“.[17] Hier wird in einer Kategorienvermischung der Globalisierungsprozess mit dem Globus der Erde gleichgesetzt, dem Emblem, das zu seinem Symbol wurde. Ablehnung des Ersteren wird so zur Ablehnung des Letzteren. Ein weiteres Beispiel: Die „Katzen-unterstützen-weißen-Genozid“-Theorie behauptet, dass eine jüdische Weltverschwörung hinter der Verbreitung von Katzenvideos im Internet stecke, da süße schnurrende Katzen den mütterlichen Instinkt weißer Frauen ablenken und einen Geburtenrückgang herbeiführen würden. Auch hier stellt die Geschichte ihre Bedeutung offen zur Schau, sie veranschaulicht das Reproduktions-Dilemma der Mittelschicht – frau muss sich in Zeiten der Prekarität und permanenter Krise zwischen Kindern (biologischer Reproduktion) und einer Karriere (Reproduktion des sozialen Status) entscheiden. Wie Knight hervorhebt, ist das die Rhetorik des Symptoms, wobei ich hinzufügen würde, nicht nur im Sinne einer verschlüsselten Botschaft. Das Symptom ist laut Lacan ein sexueller Akt. Es „kann nur definiert werden als die Art und Weise, in der jedes Subjekt das Unbewusste genießt (jouit)“[18]; allerdings wird dieses Genießen möglicherweise nicht bewusst als solches erlebt.
Philosophischer Horror
Mir ist unklar, wie Rokos bösartige KI nach der Löschung des ursprünglichen Threads auf Reddit ein zweites Leben fand und als „Rokos Basilisk“ oder einfach „Der Basilisk“ bekannt wurde. Der Basilisk ist ein legendäres, mit einer Krone versehenes, schlangenähnliches Wesen, das jeden vergiften kann, der das Pech hat, ihm über den Weg zu laufen. Das Ungeheuer taucht in einem der Harry-Potter-Romane auf – in der Harry-Potter-Version kann der Basilisk seine Opfer mit einem Blick versteinern, ähnlich dem Blick der Medusa – sowie in einigen neueren Manga-Serien, doch ist der Basilisk besser bekannt als uraltes antisemitisches Klischee. In Martin Luthers „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) wird das Wesen mit dem „giftigen“ jüdischen Volk gleichgesetzt, dessen Pestilenzatem als tödlich gilt.*Yudkowsky distanzierte sich zwar von den weiß-suprematistischen Widerlingen in und um seinen Blog – der ethno-nationalistische Blog MoreRight, betrieben vom neo-reaktionären Ideologen Michael Anissimov, ging aus LessWrong hervor, nachdem sich die beiden Männer zerstritten hatten. Doch angesichts der Tatsache, dass „Der Basilisk“ rasch zu einem prominenten Avatar für den neo-reaktionären Transhumanismus wurde,[19] kann man annehmen, dass die antisemitischen Konnotationen beabsichtigt waren. Diese kryptofaschistischen Foren, die, wie Philip Sandifer anmerkt, in der Tech-Kultur entstanden sind und diese offenbar unwiderruflich kompromittiert haben, spielen eine wichtige Rolle bei der Produktion und Verbreitung von Alt-Right-Idiomen und -Bildsprache. Laut Mother Jones erhält die Neonazi-Website Daily Stormer – benannt nach dem Stürmer, dem inoffiziellen Propagandaorgan der NSDAP – den Großteil ihrer Spenden aus dem Silicon Valley, und der meiste Traffic auf dieser Seite wird in Santa Clara County, der Heimat von Apple und Intel, generiert.[20]
Das auffälligste Merkmal der Alt-Right Bewegung ist ihre Verbindung zur IT-Branche und eben gerade nicht zur postindustriellen Arbeiterklasse mit ihren enttäuschten Erwartungen. Dies deutet meiner Meinung nach auf eine neue Konfiguration faschistischer Ideologie hin, die unter der Ägide neoliberaler Regierungsführung Gestalt annimmt und mit dieser Hand in Hand geht.
Wir leben nicht mehr in Reagans Traum. Das Ethos der Tech-Industrie hat sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt, weg vom marktbesessenen Optimismus, für den Bill Gates stand, hin zum digitalen Feudalismus, der von den Neo-Reaktionären und Cybermonarchisten der Bay Area vertreten wird. Wenn jeder Aufstieg des Faschismus von einer gescheiterten Revolution zeugt,[21] könnte man sagen, dass der Aufstieg kryptofaschistischer Tendenzen innerhalb der Tech-Industrie von den Misserfolgen der „digitalen Revolution“ zeugt, deren Versprechen einer Post-Knappheits-Ökonomie und eines sozialisierten Kapitals nie in Erfüllung gingen. Aus dieser Perspektive betrachtet, sind die Online-Kulturkriege ein Proxy für eine größere Schlacht um Dominanz des Westens, Imperialismus und weiße Hegemonie – oder deren Verlust. Die Mischung aus Cyber-Obskurantismus, rechtsextremer Esoterik und paranoiden Vorstellungen, die online so populär ist, kann als morbides Symptom dieser andauernden Transformation gelesen werden.
Nachdem der Soziologe Colin Campbell bemerkt hatte, dass wissenschaftliche und religiöse Weltanschauungen, was das Verhalten angeht, nicht unvereinbar sind, schrieb er über Sekten und sektenähnliche Phänomene als Beispiele für eine Suche nach Erkenntnis, deren Teilnehmer „eine problemlösungsorientierte Perspektive eingenommen haben, während sie konventionelle religiöse Institutionen und Glaubenssätze als unzureichend definieren“.[22] Einer der wichtigsten Bestandteile von Sektenkultur ist „deviante Wissenschaft und Technologie“. Diejenigen, die „von der nachweisbaren Überlegenheit der Wissenschaft beeindruckt sind und infolgedessen eine wissenschaftliche Weltanschauung vertreten wollen“, sind selten „in der Lage, zwischen orthodoxen und heterodoxen wissenschaftlichen Ansichten zu unterscheiden. Sie können folglich am Ende an fliegende Untertassen und übersinnliche Wahrnehmung glauben, aufgrund überzeugender wissenschaftlicher ‚Beweise‘.“[23] Es ist ein verworrenes Knäuel störrischer und auseinanderstrebender Visionen – weiße Suprematisten, Maskulinisten, Antifeministen, Seasteader, Transhumanisten, Bitcoin-Freaks, Islamophobe, Neomonarchisten, Antisemiten. Vereint ist die neue extreme Rechte aber durch Antimarxismus, Paranoia und vor allem durch das Suchen nach Erkenntnis.[24]
Der britische, vom Philosophen zum neo-reaktionären Ideologen mutierte Nick Land spricht von der „Kathedrale“, um die sozialen Institutionen des modernen Staates zu bezeichnen, und wittert mit Bildern von Schattenagenten und lauernden Mächten eine „Verschwörung“ zur Verlangsamung der kapitalistischen Akkumulation (durch ihre Umleitung in sozial orientierte Projekte wie Bildung, Sozialversicherung oder Gesundheitswesen). Weniger gelehrte Blogger dozieren über die „rote Pille“. Im Blockbuster Matrix aus dem Jahr 1999 wird dem Protagonisten Neo die Wahl zwischen zwei Pillen angeboten. Entscheidet er sich für die blaue Pille, geht das Leben so weiter, wie er es kannte. Die rote Pille zu wählen bedeutet jedoch, die dicke Membran der Ideologie zu durchbrechen und mit dem Risiko, verrückt zu werden, die Wahrheit zu akzeptieren, dass die Menschen in einer von ihren KI-Herrschern erzeugten virtuellen Realität leben. In rechtsextremen Kreisen wird diese heimtückische und allgegenwärtige virtuelle Täuschung als „Kulturmarxismus“ bezeichnet, ein von der Frankfurter Schule inspirierter Kulturkrieg gegen die westliche Welt, der darauf abzielt, alle traditionellen Institutionen zu untergraben.[25]
In seinem Werk Postmodernism or the Cultural Logic of Late Capitalism (1991) bezog sich Frederic Jameson auf Verschwörungstheorien als den Marxismus der Armen, als eine degradierte Version der Ideologiekritik, die durch Abgleiten in „reines Thema und Inhalt“ gekennzeichnet sei. Die Rote-Pillen-Theorie scheint genau in diese Kategorie zu passen: Sie ist „reines Thema und reiner Inhalt“ – ein Ausdruck der Repräsentationskrise, die mit dem historischen Bedeutungsverlust der marxistischen Hermeneutik verbunden ist. Verschwörungstheorien sind in gewisser Weise das natürliche Nebenprodukt einer Marktwirtschaft (oder der Moderne, insofern die Moderne gleichbedeutend mit Marktwirtschaft ist), ein herkulischer Versuch, das Verhältnis von Macht zur Abstraktion anzugehen – mit der Tatsache klarzukommen, dass Macht nicht dort angesiedelt ist, wo man sie vermutet –, aber unter Verwendung von Werkzeugen, die für diese Aufgabe ungeeignet sind. In gewisser Weise könnte die gesamte Weltanschauungder Alt-Right als verstecktes Kompliment an Marx interpretiert werden. Doch lässt sich die Verbreitung des Red-Pill-Motivs nicht allein mit seiner „enthüllenden“ Kraft erklären. Die „Offenbarungen“, in die man eingeweiht wird, wenn man die Pille einnimmt, sind ja trivial – kurz gesagt: Macht ist Recht, und was ist, das muss sein. Es ist die Einbettung in eine Handlung, also das narrative Element, das aufgrund seiner Verflechtung mit Fragen der Männlichkeit verlockend wirkt. Obwohl sich ihre Stile unterscheiden, gibt es eine Kontinuität zwischen dem anspruchsvollen Genre des philosophischen Horrors und den weniger anspruchsvollen „Red Pillern“. Der Red-Pill-Trope könnte als eine degradierte Version des philosophischen Horrors beschrieben werden, jenes Genres, in dem nicht nur Roko und Nick Land, sondern auch eine Vielzahl von Theoretikern spekulativer Ausrichtung gedeihen. Obwohl der Inhalt prosaisch ist (Sozialdarwinismus plus Ayn Rand), ist die Rhetorik mit mystischer Dringlichkeit aufgeladen. Indem sie die Frontier-Erzählung als Reise an den Rand der Vernunft internalisieren, setzen diejenigen, die sich im intellektuellen Dark Web versammeln, intellektuelle Bewegung mit physischer Bewegung gleich und begeben sich hinab in den Kaninchenbau, zum dunklen, kalten Herzen der Unterwelt, wo der Abgrund zurückstarrt. Anstelle von Analyse oder Kritik verweilt der philosophische Horror in morbiden Sezierungen und Lovecraftschem Erhabenen und staunt über den Schrecken des Unerkennbaren. Soziale Institutionen, so wird uns gesagt, seien bloße Illusionen, doch die Realität der tiefen Zeit und des tiefen Raums sei so abstrakt und fremd, so absolut bedeutungslos und der Menschheit gegenüber gleichgültig, dass schon ein flüchtiger Blick auf diese epistemologische Leere ausreiche, um den gewöhnlichen Menschen in den Wahnsinn zu treiben. Es ist die Rolle des Philosophen/Priesters, „das Undenkbare zu denken“ – in neo-reaktionären Foren ist die Suche nach Erkenntnis oft in verschiedene Einweihungsstufen organisiert, wobei Individuen wie Land oder Yarvin „Anspruch auf eine besondere Wahrheit erheben und (sich selbst) als einen offenbarenden ‚Kanal‘ präsentieren“.[26]
Während für die Neo-Reaktion das Undenkbare die Form einer Hegelschen Umkehrung annimmt – nicht das Kapital eignet sich nicht mehr als Vehikel für die Verwirklichung des Wesens der Menschheit; vielmehr eignet sich umgekehrt die Menschheit nicht mehr für die Verwirklichung des Wesens des Kapitals – , ist für die Alt-Right das Undenkbare schlicht das Überleben des Stärkeren (natürliche Selektion), frei von egalitärem Zwang (künstlicher Deselektion). So oder so hat das „Undenkbare“ einen antipolitischen Glanz: Moral untergräbt Potenz und Virilität, die einzigen Dinge, die in der darwinistischen Lebenswelt der Raubtiere und Parasiten zählen. Was ist, muss sein, denn Macht ist Recht. Es ist keineswegs ein Zufall, dass der Schnittpunkt zwischen LessWrong, Transhumanismus, Neo-Reaktion und krypto-reaktionärer spekulativer Theorie eine gewisse Mischung aus Lovecraftschen Mythen und Nietzscheanischer Sage ist. Der technokapitalistische Geist ist, wie Harrison Fluss und Landon Frim behaupten, „eindeutig faustisch und nicht prometheisch: Er strebt nicht danach, die Menschen zu befreien und ihre Lage zu verbessern, sondern vielmehr danach, zu dominieren und sich vom bloß Menschlichen abzugrenzen“.[27]
Allgemeiner gesprochen muss ich hinzufügen, dass Appelle, über das derzeit konstituierte „Menschliche“ hinauszugehen – sei es als Rückkehr zu einem mystischen Eschaton oder als Singleton, das die Menschheit ablöst –, keine sinnvolle Bewegung hervorbringen, metaphysischer oder anderer Art, die eine Abkehr von dem autonomen Subjekt signalisieren würde, das dem Siedlerkapitalismus zugrunde liegt. Wie Zakiyyah Iman Jackson warnt, lassen sie zudem die zeitlichen und räumlichen Ziele unberücksichtigt, die dieses Jenseits konnotieren. Die Mobilisierung von Zeitlichkeit als Form der Transzendenz, so argumentiert Jackson, könnte tatsächlich „den europäischen Transzendentalismus wiedereinführen, den diese Bewegung zu durchbrechen vorgibt, insbesondere im Hinblick auf die historische und fortdauernde Verteilungsordnung von Rasse (race)“ – die „Appelle an das Jenseits legitimiert und bedingt, vielleicht sogar die Anziehungskraft des Jenseits überdeterminiert“.[28] Allein schon diese Frage nach dem Jenseits, als Marker für zeitliche Transzendenz, „führt uns nicht nur zurück auf das rassifizierte metaphysische Terrain von Seinsordnungen, Zeitlichkeit, Räumlichkeit und Wissen – sie offenbart, dass wir es nie verlassen haben.“[29]
Kapitalismus mit asiatischem Gesicht
Die Art der Spekulationen, die von Transhumanisten, effektiven Altruisten, Bay Area Techno-Libertären und KI-existentielle-Risiken-Gruppen ausgehen, brachte mich auf die Idee, diese Online-Foren zu untersuchen – ähnlich wie Klaus Theweleit es in seinem bahnbrechenden Werk Männerphantasien mit den Tagebüchern der Freikorps getan hat, wobei ich jedoch eine Einschränkung anbringen muss: Mich interessieren die Strukturen des Affekts und die Kontinuitäten zwischen „Rand“ und „Mainstream“, weniger jedoch konkrete rechtsextreme Persönlichkeiten oder Organisationen.[30]
Die Freikorps waren deutsche paramilitärische Einheiten, die sich nach dem Waffenstillstand im Ersten Weltkrieg weigerten, ihre Waffen abzugeben, und Theweleit begann seine Forschung mit der Zusammenstellung von Dokumenten über ihren Alltag. Als er ihre persönlichen Schriften untersuchte, fiel ihm ihre verzerrte Wahrnehmung linker Bewegungen auf, die niemals als politische Ideologien angesprochen, sondern stattdessen als etwas Trübes und Zähflüssiges dargestellt werden, wie ein Sumpf oder eine Jauchegrube. Diese Darstellungen, so grotesk sie auch sein mögen, sind nicht unbedingt „falsch“ oder „unwahr“; tatsächlich enthalten sie ein Element der Wahrheit. Der Krieg, obwohl lebenszerstörend, war für die Freikorps eine Form des Lebensunterhalts, das heißt ein Mittel, um die Lebensnotwendigkeiten zu sichern. Der Kommunismus stellte eine sehr konkrete Bedrohung für den preußischen Militarismus und damit auch für die Autonomie und Selbstsouveränität des niederen Adels dar, denen die Rekruten der Freikorps typischerweise angehörten. Aber es gab auch ein Element von Drama: Das Wort „Kommunismus“, so argumentiert Theweleit, wird nicht verwendet, um eine Form der politischen Ökonomie zu bezeichnen, die die Kollektivierung von Ressourcen mit sich bringt; vielmehr scheint „Kommunismus“ ein Synonym für Kastration zu sein, für die Angst, entmannt und machtlos gemacht zu werden – sowohl politisch als auch sexuell. Es besteht eine vergleichbare Kluft, wenn nicht gar ein regelrechter Gegensatz, zwischen der infrastrukturellen oder logistischen Dimension der KI und ihrer gängigen Fiktionalisierung oder Personifizierung als eine Terminator-ähnliche Figur wie der Basilisk.
Geopolitisch gesehen kann die gegenwärtige Situation durch einen Prozess der Entwestlichung definiert werden – der Westen verliert rasch seine Vormachtstellung – sowie durch das Aufsteigen Chinas als wahrscheinlicher Sieger im andauernden Streit um die Kontrolle über die koloniale Ausbeutungsmatrix. Das Überleben der westlichen Hegemonie hängt an der digitalen Wirtschaft, genauer gesagt an der Entwicklung der KI, dem derzeit einzigen schnell wachsenden Sektor und dem einzigen überzeugenden Versuch, eine weitere Phase kapitalistischer Akkumulation jenseits der – bereits erschöpften – neoliberalen Phase zu entwerfen.[31] Rokos Basilisk verzerrt diese geopolitische Konstellation zu einer moralischen Parabel: das Wesen, das im Begriff ist, sich von seinem Schöpfer zu emanzipieren. Mit anderen Worten: Diese Fantasien imaginieren die Unterwerfung der Weißen und Szenarien einer umgekehrten Kolonisierung. Oder noch kürzer: einen Kapitalismus mit asiatischem Gesicht.
Wie alle Waren spricht KI die Sprache des Fetischs: Sie entkontextualisiert das Geschehen zu einer reinen – phallusförmigen – Form.[32] Aus dieser Perspektive ist die Geschlechterisierung des Deep Learning eher ein Werkzeug finanzieller als philosophischer Spekulation – würden Sie nicht auch lieber in den Basilisken investieren als in Flippy, die Burger bratende KI? Aus Marktsicht ist KI ein reformistisches Projekt: Sie zielt darauf ab, schwindende Gewinnmargen wiederherzustellen. Der Basilisk tut für Deep Learning das, was Pornografie für Sex tut: Er macht es reißerisch. Durchdrungen von paranoider Dringlichkeit, Nihilismus und Phobophilie ist der Basilisk ein weiteres gesellschaftlich sanktioniertes Narrativ, in dem (männliche) Aggression kulturelles Kapital und damit auch wirtschaftlichen Wert schafft.[33]
Aber die digitale Wirtschaft verändert auch die Prozesse, durch die Technologie als Kapital akkumuliert wird, und die daraus resultierenden Klassenverhältnisse stehen quer zur sozialen Reproduktion des amerikanischen Lebensstils. Wenn der private Sektor – Amazon, Google (das gerade DeepMind gekauft hat), Facebook, IBM und Microsoft – als alleiniger Anbieter wesentlicher öffentlicher Dienstleistungen fungiert, bedeutet das eine grundlegende Spaltung zwischen der technikaffinen Oberschicht (die ihr Leben dem Basilisken widmet) und einer riesigen Unterschicht von Unterbeschäftigten oder prekär Beschäftigten (die durch den Basilisken weiter degradiert werden). Unter Ausnutzung der Autorität des Undurchschaubaren führt das Bündnis zwischen Finanzwesen und digitaler Technologie zu einer dramatischen Wiederherstellung von Unternehmensgewinnen und der Macht der Elite.[34] Obwohl dieser Trend zur Oligarchie nichts Neues ist – die goldenen Jahrzehnte der Freiheit und Demokratie im Westen gingen einher mit geschlechtsspezifischer und rassistischer Unterdrückung im Inland und kolonialer Gewalt im Ausland –, hat er eine neue Intensität erreicht, da das in den industriell fortgeschrittenen Ländern akkumulierte Kapital „den Globus nach niedrigeren Löhnen durchkämmt“, die Entwicklung sogenannter peripherer Formationen verhindert und „als rassistische Bedrohung durch billige Arbeitskräfte aus dem Globalen Süden“ wieder auftaucht.[35] Während soziale Rechte in Europa und den USA schwinden, wird ein massiver Sicherheitsapparat konsolidiert, um „die vermeintlichen zivilisatorischen Bedrohungen für die Nation zu bewältigen“.[36] Unter dem Banner des „Kriegs gegen den Terror“ verschmilzt die Überwachung rassifizierter Lebenswelten im Westen mit der erneuten Intensität imperialer Gewalt und etabliert eine Affektstruktur, die sich auf „Weißsein“ stützt – jenes aspirative Bindeglied, das diejenigen, die wirtschaftlich benachteiligt sind, dazu veranlasst, sich dennoch einzubringen – libidinös und symbolisch. Insbesondere Millennials werden dazu gedrängt, ihre Identitäten mit Start-ups und Social-Media-Plattformen in Einklang zu bringen (ähnlich wie frühere Generationen dies mit dem amerikanischen Traum oder mit sozialem Aufstieg taten) und die unternehmerischen Formen der Subjektivität, die sie hervorbringen, fälschlicherweise als Beweis für Freiheit und Autonomie zu deuten. Vor diesem geopolitischen Hintergrund adoptiert die Tech-Kultur die Haltung der Hacker-Gegenkultur, während sie sich gleichzeitig der herrschenden Klasse andient, und „eröffnet so einen giftigen Kanal zwischen den beiden.“[37]
Grotesker Naturalismus und „aufstrebender Nihilismus“ [38]
Nicht alle sozialen Spannungen finden politischen Ausdruck. Sie alle aber nehmen eine Form an: Sie ordnen sich Objekten, Redewendungen oder Stilfiguren zu oder knüpfen an diese an. Wie der Medientheoretiker Florian Cramer feststellt, ließe sich die Alt-Right als ein Gewirr teil-kompatibler ideologischer Formationen beschreiben, die sich um eine Meme-produzierende Maschine gruppieren, die wohl ihr eigentliches Machtzentrum darstellt.[39] Diese Formationen mögen politisch nicht zusammenhängen, aber sie hängen ästhetisch zusammen und verschmelzen zu einer emotionalen Struktur, deren Inhalt aufhört, subjektiv zu sein, sobald er zur Grundlage von Subjekt-Formation wird.
Cramer prägte den Begriff „Weaponisation of Carnival“, um das Phänomen zu beschreiben, das die Alt-Right als „Meme-Magick“ bezeichnet. Er bezog sich dabei auf Michail Bachtins Theorie vom Karneval als Schnittstelle zwischen einer von oben auferlegten Stasis und einem von unten kommenden Verlangen nach Veränderung, zwischen dem Offiziellen und dem Inoffiziellen.[40] Cramer beschreibt die Meme-Kultur als Karneval im fast wörtlichen Sinne, mit all den beteiligten Akteuren – von der Anonymous-Bewegung über Andrew „Weev“ Auernheimer, Milo Yiannopoulos, Sam Hyde, InfoWars oder Donald Trump –, die das Karnevaleske als Register annehmen, dessen wesentliches Prinzip die Erniedrigung ist, oder – um Bachtin direkt zu zitieren – die Herabsetzung all dessen, was hoch, spirituell, ideal und abstrakt ist, auf die materielle Ebene, auf den körperlichen unteren Bereich. Der Karneval beinhaltet, wie Terry Eagleton argumentiert, einen „vulgären, schamlosen Materialismus des Körpers – Bauch, Gesäß, Anus, Genitalien – (der) zügellos über die Höflichkeiten der herrschenden Klasse hinwegfegt“.[41] Deshalb hat die berüchtigte Äußerung „grab her by the pussy“ Cramer zufolge potenzielle Wähler nicht abgeschreckt, sondern der Trump-Kampagne Auftrieb gegeben und wurde zu einem ihrer zentralen Memes. Doch der Charakter dieses Prozesses ist nicht nur rein negativ, indem er den symbolischen Status der Opfer durch Entwürdigung-mittels-Vergewaltigung herabsetzt. Er erhöht umgekehrt den Status der Täter: Bei der Satire der Alt-Right geht es nicht nur darum, sich in Opposition zum Objekt der Verhöhnung zu stellen, sondern auch, sich über dieses zu erheben. Dieses ambitionierte, strebsame Element ist ebenso entscheidend wie der libidinöse Aspekt, für das, was man als das Verhältnis von Gesetz und Befreiung im Karneval der Alt-Right beschreiben könnte.
Obwohl dieses Verhältnis völlig undialektisch ist, ermöglichen das transgressive Ethos und das Anti-Establishment-Ressentiment der Alt-Right einen leichten Zugang zu sozialen Sphären, die traditionell nicht mit der extremen Rechten verbunden waren oder mit ihr sympathisierten. Idiome, Tropen und Jargon der Alt-Right drangen mit außerordentlicher Leichtigkeit in die Räume der zeitgenössischen Kunst vor, weil, wie viele damals argumentierten, dieses visuelle Vokabular „in flux“ ist und somit ein generatives Potenzial besitzt, dessen emanzipatorische Qualitäten offensichtlich sind.
Es gibt viel zu aufzudecken an einem Ansatz, der eher formalistisch scheinen könnte und der der Darstellungsweise mehr Aufmerksamkeit schenkt als ihrem Inhalt. In der antipolitischen Atmosphäre nach 1989 wurde großer intellektueller Aufwand darauf verwendet, politische Emanzipation so zu konzeptualisieren, dass sie Freiheit von den Massen statt Freiheit für die Massen bedeutete.[42] Im daraus resultierenden Rückzug aus kollektiver Organisation wurden Konnektivität und die digitalen Plattformen, die diese ermöglichen, als eine Form der basisdemokratischen, netzwerkgestützten Demokratie fetischisiert, da Online-Foren im Gegensatz zu anderen Möglichkeiten für politisches Engagement es erlauben, „den hartnäckig weiter bestehenden Fragen der Parteiorganisation“, der Mobilisierung und der Militanz auszuweichen.[43] Doch diese Begeisterung für neue Medien, gestützt von „nominell linken Akademikern, deren Lehrstühle bisweilen von Tech-Unternehmen finanziert wurden“, schuf eine bereite Anhängerschaft, die anfällig für ästhetisches Kriechtum war.[44]
Das nihilistische Potenzial des Netzwerks ist, wie Jodi Dean feststellt, ein Produkt seiner individualisierenden Wirkungen. Obwohl so oft assoziiert mit dem Thema des Aufbegehrens gegen die soziale Ordnung, das Gegenkultur definiert, hat der Wunsch, moralische Codes zu untergraben oder zu überschreiten, nicht unbedingt eine politische Dimension; er hängt sich vielmehr am gerade gegebenen Konsens auf. Im Bereich der zeitgenössischen Kunst ist Transgression ein Genre, das meist zynische Versuche hervorbringt, ästhetisches Erleben zu einer direkten Erweiterung moralischer Empörung zu machen. Vor allem aber hat die Transgression eine wirtschaftliche Dimension, die mit der Doktrin der kreativen Zerstörung oder dem, was im Silicon-Valley-Jargon als „Disruption“ bezeichnet wird, korreliert – ein zentrales Thema im Spannungsfeld zwischen Gegenkultur und Tech- oder Computerkultur.[45]
Nachdem die Linke die Kulturkriege gewonnen hatte, wurde die Transgression rasch als Waffe eingesetzt und von vielen Randgruppen der konservativen Rechten gegen die sogenannte politische Korrektheit und die „Social Justice Warriors“ gerichtet – ein Trend, der heute als „Alt-Light“ bekannt ist.[46] Es gibt jedoch eine umfassendere kulturelle Konvergenz zwischen Theorie, Lebensstil und einer Haltung verächtlicher oder abgestumpfter Negativität in dem als Post-Ironie bekannten Genre, das auf das zurückgeht, was Mark Greif als den weißen Hipster bezeichnete. Greif zufolge „fetischisierte der weiße Hipster die Gewalt, die Instinktivität und die Rebellion des ‚White Trash‘ der unteren Mittelschicht“.[47] Persönlichkeiten wie der Vice-Gründer Gavin McInnes – der 2003 einem Times-Journalisten sagte: „Ich liebe es, weiß zu sein, und ich denke, das ist etwas, worauf man stolz sein kann“, und anschließend die Proud Boys gründete, eine neofaschistische Organisation, die nur Männer aufnimmt und offen Gewalt propagiert – oder der Hoaxer Sam Hyde, dessen Show „Million Dollar Extreme Presents: World Peace im „Adult Swim“ Programm der Cartoon Networks mit Hyde mit Blackfacing startete – stehen an der Schnittstelle zwischen Edgelord, Nerd und weißem Suprematisten und schaffen ein kulturelles Milieu, in dem eine wachsende Zahl von akademisch gebildeten urban professionals, die für historisch liberale Institutionen arbeiten, offenbar nach rechts abdriftet.
Diese Haltung – die unter liberalen Kommentatoren, in para-akademischen Kreisen und weiten Teilen des zeitgenössischen Kunstmilieus weit verbreitet ist – ist nicht geradezu faschistisch, sondern ich würde sie als „faschismusneugierig“ bezeichnen, insofern sie kein kohärentes politisches Konzept impliziert, sondern vielmehr eine vorsubjektive Bindung. Die übliche faschismusneugierige Masche besteht darin, ironisch mit rechtsextremen Tropen und rassistischen Redewendungen zu flirten, um sich eine plausible Ausrede zu sichern oder „der Verantwortung für die eigenen Entscheidungen, ästhetischer und anderer Art, ausweichen zu können“.[48] Da das Mainstream-Publikum, seitdem die Pop Art als bedeutende konzeptuelle Wende vermarktet werden konnte, darauf trainiert wurde, bejahende Gesten als Kritik (falsch) zu erkennen, können „faschismusneugierige“ Werke zwei dissonante Register gleichzeitig spielen. Ironie impliziert Heteroglossie.[49] Aus dieser Perspektive werden plumper Rassismus und ungehobeltes Trolling als antinormativ oder antikonformistisch gelesen; als etwas, das einen provokanten oder trotzigen Schimmer hat, der dem Mainstream-Geschmack entgegensteht; oder als eine Form des Culture Jamming, die mit subversivem Potenzial ausgestattet ist. Mithilfe eines vulgären Deleuzianismus wird alles, was polysemisch oder rhizomatisch erscheint (zum Beispiel Hybridität, Ambivalenz oder das Performative), per Definitionantiautoritär, während Äußerungen in den sozialen Medien – und praktisch alles, was als disruptiv beschrieben werden kann – als Verschiebung des Overton-Fensters fetischisiert werden. Diese Position deckt sich mit der Antipolitik der professionellen Führungsklasse und ihrer Ambivalenz gegenüberdem Aufstieg des Faschismus. Bereit, politische Macht an Populisten und Demagogen der extremen Rechten abzugeben, um eigene wirtschaftliche Interessen zu schützen, haben die wohlhabenden oder relativ wohlhabenden westlichen Mittelschichten auch ein ambivalentes Verhältnis zum Kapitalismus, der gerne als zufällige und chaotische Kraft gedacht wird – von jenen, für die Arbeit etwas ist, das mit einem Tastendruck bewältigt wird, und nichts, was man erdulden muss. Nur für sie ist der Kapitalismus fähig, „mächtige utopische Energien“ zu entfesseln, deren entfremdende Wirkungen als befreiend erlebt werden können.
Die Intensität, die berauschende Vitalität und die fast ekstatische Art des Erlebens, die der Linken angeblich fehlen, ist das, was die Alt-Right zu bieten hat. Für Bereiche wie die zeitgenössische Kunst, deren narrative Identität darauf beruht, etwas zu tun, das nicht der Norm entspricht, erwies sich dieses Angebot als verlockend. Das eklatanteste Beispiel war die LD50 Gallery in London, die direkt Veranstaltungen weißer Suprematisten organisierte, doch ihre rechtsextremen Materialien – darunter das Video, das Eliot Rodger vor seinem Amoklauf gedreht hatte, und das Emblem der Afrikaner Weerstandsbeweging – stellen keine Ausnahme dar.[50] Im Gegenteil, sie fügen sich in das breitere Ethos der Post-Internet-Kunst und in den restaurativen Impuls ein, der dem Akzelerationismus zugrunde liegt.
Neben Ironie und Transgression ist ein weiteres, bislang noch nicht untersuchtes Element im formalen Vokabular der Alt-Right eine übermäßige sentimentale Sehnsucht nach den 1980er- und 1990er-Jahren. Vaporwave beispielsweise, ein Genre voller selektiver Nostalgie, brachte zwei weiße ethnonationalistische Subgenres hervor: Fashwave und Trumpwave. Fashwave kombiniert Bilder griechisch-römischer Marmorreliefs mit Tron-artigen Rastern, Pastellfarben und Palmen und verknüpft so den mythischen Ursprung der weißen Zivilisation mit dem amerikanischen Traum und den freudigen Verheißungen der frühen Internetjahre. Die meisten dieser Elemente sind bereits in der retro-futuristischen Vorstellungswelt von Vaporwave vorhanden – „der weißesten Musik aller Zeiten“, so Andrew Anglin, der Gründer des Daily Stormer. Die Besonderheit von Fashwave liegt in der unheilvollen Aura, die ein Gefühl handgreiflicher Bedrohung oder imminenter Gefahr heraufbeschwört, als stünde Armageddon kurz bevor und das Ende sei nahe.
Der Streik des Kapitals
In den 1960er Jahren entstanden in Amerika zwei unterschiedliche gegen das Establishment gerichtete Bewegungen: die Neue Linke und die Neuen Kommunalisten. Während es der Neuen Linken um politische Veränderungen ging – vor allem durch Mobilisierung gegen den Vietnamkrieg –, waren die Neuen Kommunalisten der Ansicht, dass das Engagement in der Politik, im Staat oder in der Regierung an und für sich das Problem sei. Zwischen 1965 und 1972 zogen sehr viele junge, meist weiße Amerikaner aus den Städten in die ländlichen Gebiete Nordkaliforniens und gründeten Kommunen. Der Whole Earth Catalogue und das WELL haben solche kommunalistischen Ursprünge, allerdings sind, wie Fred Turner hervorhebt, ihre Wurzeln in der amerikanischen Gegenkultur der 1960er Jahre bisher nur wenig erforscht. Ein weiterer Ableger der New Communalists, Biosphere 2, weckte kürzlich Aufsehen, weil eine Verbindung zu Steve Bannon gezogen werden konnte, dem früheren Strategen des Weißen Hauses, dessen kurzlebige Amtszeit in der Trump-Regierung Anlass für intensivere Befragungen bot. Doch Bannons Beteiligung war nicht die einzige dubiose Angelegenheit, die dieses unglückselige Experiment belastete. Biosphere 2 war die Idee von John Allen, einem New-Age-Visionär, der südlich von Santa Fe eine Kommune namens „Synergy Ranch“ leitete. Die Synergy Ranch hatte ein apokalyptisches Ethos: Besorgt über den drohenden ökologischen Zusammenbruch, wollte Allen der Erde entfliehen, durch die Errichtung neuer Kolonien im Weltraum. Während der Whole Earth Catalogue oder das WELL auf eine virtuelle Gemeinschaft abzielten (eine „neue Form des technologisch ermöglichten sozialen Lebens“ [51]), war Biosphere 2 eine reale Miniaturwelt, dazu bestimmt, eine Besatzung von acht menschlichen Bewohnern (vier Männer und vier Frauen) über einen Zeitraum von zwei Jahren in einer hermetisch abgeschlossenen Kuppel zu versorgen. Doch – und hier kehre ich zu Jacksons Argument zurück – Allens Aufrufe, über die Erde hinauszugehen, um die ultimative Version des „guten Lebens“ im Weltraum zu errichten, lassen die rassistischen und ideologischen Dimensionen, die dieses „Jenseits“ mit sich bringt, nicht auf den ersten Blick erkennen, und auch die eigentümliche Kombination aus Siedlerkolonialismus und „White Flight“ (weißer Flucht), die das Biosphere-Projekt kennzeichnet, erschließt sich erst bei näherer Betrachtung.
Der Fall Biosphere 2 bleibt für meine Argumentation relevant, da die ideologischen Säulen sowohl der neo-reaktionären Bewegung als auch, in hohem Maße, der Alt-Light-Bewegung eine Brücke zurück zum Gegensatz zwischen der Neuen Linken und den Neuen Kommunalisten schlagen. Nick Land beispielsweise beschreibt das Verhältnis zwischen den beiden als Optionen zwischen „voice“ und „exit“. Während das demokratische Recht, eine „Stimme“ zu haben, nur zu Chaos und Kakophonie führe, sei man immer frei zu gehen: Land findet das Recht auf exit „das einzige sinnvolle Recht“.[52] Neo-Reaktion, die Kopfgeburt von Land und dem Urbit-Eigentümer Curtis Yarvin (auch bekannt als Mencius Moldbug), setzt sich für Opt-in-Gesellschaften oder „Gov-Corps“ ein, die idealerweise von einem CEO-König geführt werden sollten. Obwohl sie sich nicht als Neo-Reaktionäre bezeichnen, befürworten auch Balaji Srinivasan, Peter Thiel und Patri Friedman Opt-ins, die die Bürgerrechte auf Investoren (Aktionäre) beschränken und Stakeholder von der Vertretung ausschließen. Nach dem Gov-Corp-Modell wird der Staat das Kapital nicht mehr regulieren, sondern zu dessen uneingeschränktem Ausdruck werden.[53] Neo-Reaktionäre sind in gewisser Weise klassische Libertäre: Sie wollen die Macht des Staates nicht begrenzen, sie wollen sie privatisieren.[54] In ähnlicher Weise definieren sich fast alle prominenten Persönlichkeiten der Alt-Right politisch als Libertäre und ideologisch als weiße Suprematisten.[55]
Meiner Ansicht nach geht es nicht so sehr um die Frage, ob Neofaschisten heimliche Libertäre sind oder ob umgekehrt Libertäre heimliche Faschisten sind. Vielmehr ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass eine liberale Gesellschaftsordnung demokratische Selbstverwaltung nicht notwendig braucht. Im Gegenteil, die Idee unveräußerlicher Rechte wird vom klassischen Liberalismus ausdrücklich nicht unterstützt – Hayek sagte bekanntlich, er sei für eine „liberale Diktatur“, als er seine Unterstützung für Pinochets Putsch in Chile bekundete. Nur wurde diese ideologische Affinität zwischen Faschismus und Libertarismus, so wesentlich sie auch ist, durch geopolitische Allianzen und revisionistische Geschichtsschreibung verschleiert.[56]
Nach dem Zweiten Weltkrieg trug die Analogie zwischen den „zwei Totalitarismen“ maßgeblich dazu bei, das Verhältnis zwischen libertärer und faschistischer Doktrin zu verzerren, durch die Annahme einer politischen (und moralischen) Äquivalenz von Stalinismus und Nationalsozialismus/Faschismus – im Unterschied zur gegen den Staat gerichteten Politik des libertär inspirierten Individualismus. Das Kalte Kriegs-Klischee „freie Welt“ versus „totalitäre Staaten“ trieb die Verwirrung weiter, indem die Frage der demokratischen Regierungsführung einem epischen Kampf zwischen den Kräften der Freiheit – verherrlicht von Leuten wie Ayn Rand, Friedrich Hayek oder Ludwig von Mises – und der Unfreiheit anverwandelt wurde, letztlich Demokratie mit Liberalismus verwechselnd. Doch anders als die repräsentative Demokratie lässt der klassische Liberalismus, wie David Ellerman argumentiert, „die Möglichkeit einer freiwilligen konstitutionellen Form nichtdemokratischer Regierung offen, in der das Volk freiwillig zugestimmt hat, auf die Rechte der Selbstregierung zu verzichten und an einen Souverän zu übertragen“.[57] Von Hobbes bis Rawls – und hier paraphrasiere ich Ellerman – finden sich zahlreiche Argumente für eine zustimmungsbasierte Abtretung grundlegender Selbstregierungsrechte. Im Kontext der USA wird diese Debatte oft mit dem Thema der „freiwilligen Sklaverei-Verträge“ verknüpft, denn, wie Robert Nozick behauptet, „die vergleichbare Frage in Bezug auf ein Individuum wäre, ob ein freies System ihm erlauben würde, sich selbst in die Sklaverei zu verkaufen. Ich glaube, dass dies der Fall wäre.“[58] Oder anders Paul Samuelson: „Seit der Abschaffung der Sklaverei ist es gesetzlich verboten, die Erwerbskraft des Menschen zu kapitalisieren. Ein Mensch ist nicht einmal frei, sich selbst zu verkaufen.“[59] Wie Ellerman feststellt, ist die zentrale Frage hier die nach Abtretung versus Übertragung von Rechten, nicht die nach Einwilligung versus Zwang. Die meisten zeitgenössischen Libertären verteidigen die Abtretung von Macht an einen Souverän gegenüber der Übertragung von Macht an eine Repräsentation; neo-österreichische Ökonomen setzen sich für undemokratische souveräne Stadtstaaten ein (wie Start-up-Städte oder Charter-Städte). Libertäre Modelle von auf Zustimmung basierenden, nicht-demokratischen Kommunal- oder Landesregierungen umfassen Konzepte der „freien Städte“, der „Start-up-Städte“, der Inhaber-geführten Städte, Patri Friedmans schwimmende Meeressiedlungen, Paul Romers „Charter Cities“ oder „Shareholder States“, die alle davon ausgehen, dass „die bewohnenden Subjekte einem Unterwerfungspaktzugestimmt haben, was durch ihre freiwillige Entscheidung, in die Stadt oder den Staat zu ziehen und dort zu bleiben, belegt wird. All diese Fälle schließen jede Möglichkeit demokratischer Teilhabe an der Regierung aus. Wenn oder falls die Zustimmung widerrufen wird, bleibt als einzige Option der Auszug.“[60] Anstelle demokratischer Rechte haben die Menschen das Recht zu gehen.
Zu gehen jedoch impliziert Ausgrenzung: Das gesamte Konzept hängt daran, andere zurückzulassen. Vergleichbar mit dem „Kapitalstreik“ (dem Zurückhalten neuer Investitionen in einer Wirtschaft, ein Konzept, das durch Ayn Rands Roman Atlas Shrugged populär wurde, dessen Plot von einem sozialistischen US-Amerika handelt, in dem die kreativsten Industriellen, Wissenschaftler und Künstler auf die Forderungen des Sozialstaats mit einem Streik reagieren und sich in ein Versteck in den Bergen zurückziehen, wo sie eine unabhängige freie Wirtschaft aufbauen), ist „Exit“ eine formelle Version dessen, was informell als „White Flight“ bekannt ist: die Abwanderung der weißen Mittelschicht in ethnisch homogenere Gebiete. NRx (so die Abkürzung für die neo-reaktionäre Bewegung) leugnet diese ethnisch-rassistische Dimension nicht, aber überarbeitet sie in seiner anreizbasierten Techno-Monarchie: „Wenn eine Person keinen quantifizierbaren Wert erzeugt, ist sie objektiv gesehen nicht wertvoll. Alles andere ist Sentimentalität.“[61] Wenn soziale Apartheid das Kennzeichen des Faschismus ist, dann ist der „Stack“[62] die neuen Fasces.
Das Silicon Valley ist auch stark in Bitcoin investiert, eine Technologie, deren soziale und politische Funktionen, wie David Golumbia argumentiert, ihre technischen bei weitem übertreffen. Wirtschaftlich gesehen ist Bitcoin die Antwort auf die falsche Frage: Die Probleme mit Wertschwankungen sind nicht formaler, sondern politischer Natur und sie lassen sich nicht durch Softwareentwicklung lösen: „Ohne direkte Regulierungsstrukturen“ kann jedes Finanzinstrument „als Investment genutzt werden.“[63] Ideologisch jedoch spiegelt Bitcoin tiefsitzende Ängste vor einer „ausländischen“ Kontrolle der Federal Reserve wider und, im weiteren Sinne, eine schleichende antisemitische Tendenz, die durch den Glauben an die Illegitimität oder Unnatürlichkeit des Finanzkapitals gekennzeichnet ist.
Die neue extreme Rechte zwingt uns zudem dazu, die Verknüpfung von Faschismus und Kollektivismus zu überdenken. Faschismus erfordert keine Massenbewegungen; er ist eine korporatistische Doktrin, keine kollektivistische. Obwohl die historischen Ausprägungen des Faschismus, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts an die Macht kamen, beträchtliche Unterstützung in der Bevölkerung genossen, bleibt die Alt-Right – ungeachtet der anhaltenden Versuche, die traditionelle extreme Rechte zu mobilisieren – ausgeprägt suprastrukturell. Der Korporatismus ist eine organistische Doktrin. Die Gesellschaft wird als Organismus vorgestellt, als sozialer Körper, der sich aus industriellen Organen (Korporationen) zusammensetzt, welche Kontrolle über Personen und Aktivitäten innerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs ausüben. Im Gegensatz zum Marxismus beschreibt der Korporatismus die Struktur sozialer Antagonismen nicht entlang von Klassengrenzen. Stattdessen betont er die harmonische Beziehung zwischen Gehirn und Gliedmaßen, will sagen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, und stellt beide gemeinsam gegen ein externes oder parasitäres Element, das sich vom sozialen Körper ernährt. Im klassischen Faschismus wird dieses parasitäre Element typischerweise als Finanzsektor dargestellt (und als „der Jude“ kodifiziert). Im Neoliberalismus hingegen wird die Rolle des Parasiten oft dem Staat zugeschrieben – ein Platzhalter für die unwürdigen, rassifizierten Sozialhilfeempfänger – dessen Steuern die Unternehmensproduktivität übermäßig schwächen. In Europa und den USA ist die Frage der Besteuerung zunehmend mit der rassistischen Weigerung verbunden, Steuern zu zahlen, die vor allem als Unterstützung für rassifizierte Minderheiten angesehen werden. Der Weg von LessWrong zu MoreRight ist, würde ich sagen, nicht einfach ein Weg von der „Überwindung von Voreingenommenheit bei Entscheidungen“ hin zu paranoider Dringlichkeit; es ist ein Weg vom Cyber-Libertarismus hin zu offener Bigotterie.
Allerdings besteht eindeutig eine gewisse Spannung zwischen den politischen Positionen der Neo-Reaktionäre (die „Weißsein“ als Stellvertreter für das Kapital betrachten) und denen der Alt-Right (die das Kapital als Stellvertreter für das „Weißsein“ betrachten). Auf die Frage, ob „Weißsein“ weiße Menschen voraussetze, antwortet Land verneinend: Nein, „Weißsein“ könne noch besser von nerdigen Asiaten praktiziert werden, oder von der KI. Während der Großteil der Alt-Right für eine planetare Apartheid plädiert – Ethnonationalismus, im Jargon der Alt-Right –, würde die NRx vor allem gerne in den USA die demokratisch wählenden „roten Staaten“ loswerden, die die Wirtschaft belasten; Kalifornien zu einem unabhängigen Staat erklären; oder „konkurrierende Gov-Corps auf derselben Landmasse“ willkommen heißen.[64] Anstatt die traditionelle rechtsextreme Rassendoktrin zu übernehmen, glaubt die Neo-Reaktion, dass eine „genetisch selbstfilternde Elite“ bereits dabei ist, sich von Menschen mit durchschnittlicher und unterdurchschnittlicher Intelligenz abzugrenzen,[65] in einem Prozess, der letztendlich zu einer transhumanen Superrasse und zu „einem mächtigen Führer führen wird, der Technologien zur Intelligenzsteigerung nutzt, um sich in eine unangreifbare Position zu bringen“.[66] Auch wenn eine transhumane Hyperrasse bislang eher unwahrscheinlich erscheint, reißt uns die bestehende Technologie bereits in die radikalen Umwälzungen hinein, die die cyber-libertäre Doktrin verspricht.[67] Man bedenke nur, wie die Gig-Economy den Sozialvertrag umgeht. Obwohl sie auf den ersten Blick nicht rassistisch oder sogar anti-rassistisch scheint, geht die virulente Ablehnung des Egalitarismus durch die Neo-Reaktion in rassistische Diskriminierung über: Denn nach 500 Jahren kolonialer Ausbeutung wird jede Form wirtschaftlicher Segregation zu rassistischer Apartheid führen. So oder so heißt das Eintreten für die Abschaffung demokratischer Rechte und Schutzmechanismen, eine Gesellschaft zu wollen, die in der einen oder anderen Form auf Verfolgung oder Diskriminierung beruht.
Das neo-reaktionäre Bestiarium
In einem kürzlich erschienenen Artikel für Salvage thematisierten Harrison Fluss und Landon Frim die Reibung zwischen diesen gegensätzlichen Kräften als einen Kampf zwischen den konkurrierenden „animalischen Geistern“ Behemoth und Leviathan. Während Behemoth die territoriale Integrität der Ethnonationen repräsentiert, steht Leviathan für das, was Carl Schmitt als „Korsarenkapitalismus“ bezeichnete: die fließende Dynamik von Handel und Finanzen. Heute besser bekannt als die imposante Gestalt, die in der Kupferstich-Illustration von Hobbes’ Leviathan (1651) als Symbol für den Staat oder den „Rektor“ (Herrscher) erscheint, war der Leviathan ursprünglich eine gefährliche oder bösartige Kraft, mal das Meer selbst, mal ein Drache oder Teufel, dargestellt als Seeungeheuer oder schlangenartiger Walfisch. Schmitt zufolge wählte Hobbes seinen Titel aufgrund der Assoziationen eines riesigen, gigantischen Körpers – des Staatskörpers, den Hobbes dem Behemoth gegenüberstellte, einem Symbol für soziale Unruhen oder Revolution: die anarchischen Energien des Naturzustands. Schmitt hingegen greift auf eine kabbalistische Interpretation zurück, um den Leviathan als Symbol der „Seemächte, die gegen den Behemoth kämpfen, der die Landmächte repräsentiert“, zu setzen.[68] Für Schmitt stand der Leviathan für die thalassokratische Macht des Britischen Empire, die er dem erdgebundenen Deutschen Reich gegenüberstellte. Doch statt als antagonistische Kräfte könnten Behemoth und Leviathan als unterschiedliche Facetten desselben politischen Körpers gedacht werden (zum Beispiel Saudi-Arabien: gleichzeitig eine rassistische Autokratie und eine globale Finanzmacht), oder als aufeinanderfolgende Zustände: Da das Hohe Meer dem Cyberspace als dynamischem Ort der Akkumulation gewichen ist, könnte der Leviathan heute, um Fluss/Frim zu paraphrasieren, für einen beschleunigten Kapitalismus stehen, der dabei ist, die historischen Faktoren abzuschaffen, die ihm ursprünglich sein Gedeihen ermöglichten (also den Behemoth). Deshalb die Memes mit den Fröschen. Deshalb die Obsession mit schleimigen Kreaturen und Lovecraftschen Themen. Liminale Kreaturen stehen an der Schwelle zwischen zwei verschiedenen Identitäten oder am Schnittpunkt verschiedener Welten. Sie sind proteische, grenzüberschreitende Wesen, ihre Morphologie eine fleischgewordene Metapher. Abweichung, Umkehrung von Hierarchien oder Auflösung von Ordnung werden auf den geleeartigen Amphibienkörper projiziert – stellvertretend für die liminale Erfahrung, die der gesamte Planet durchlebt.
In seinem berühmten Essay „Discours sur le colonialisme“ vertrat der Dichter Aimé Césaire die These, dass das, was in Europa als „Faschismus“ bezeichnet wird, nichts anderes sei als die koloniale Gewalt, die ihren Weg zurück in die Heimat finde; doch das missing link zwischen Siedlerkolonialismus und Nationalsozialismus ist nach wie vor kaum theoretisch aufgearbeitet.[69] Der Gefängnisstaat, Ethnonationalismen und imperiale Kriegsführung sind vermutlich verschiedene Facetten dessen, was Nikhil Pal Singh als „das Nachleben des Faschismus“ bezeichnete, mit Verweis auf die Verflechtungen von Siedlerkolonialismus und Nationalsozialismus anhand der „proto-totalitären“ Szenerie der kolonialen Expansion und ihres rassistisch geprägten Menschenbildes.[70]
Der Faschismus ist das schmutzige Geheimnis des Kapitals: Er zieht es vor, sich den ihm Unterworfenen durch Terror zu nähern, statt durch Lohnverhältnisse, Verträge oder Märkte. Um schlussfolgernd auf Césaire zurückzukommen: Bevor weiße Europäer zu seinen Opfern werden, fungieren sie stets als „seine Komplizen; sie tolerieren ihn, sprechen ihn frei, verschließen die Augen davor, legitimieren ihn“.[71] Während die Milliardäre aus dem Silicon Valley in Neuseeland (dem Land, das am besten gerüstet ist, der kommenden Umweltapokalypse standzuhalten) Weltuntergangsbunker bauen, ist die Sozialdemokratie zunehmend bereit, eine faschistische Dimension zu integrieren, indem sie bestimmte Gruppen biopolitisch anspricht und ihr Leben verwaltet (und geschlechtlich kategorisiert), während andere Gruppen einem nekropolitischen Regime unterworfen werden – unterdrückt, deportiert, kriminalisiert und schlussendlich getötet oder dem Tod überlassen.
Trump veranschaulicht, wie Dean argumentiert, die „Wahrheit der wirtschaftlichen Ungleichheit: Höflichkeit ist für die Mittelschicht“.[72] Die Reichen müssen nicht mehr so tun, als ob sie sich um etwas kümmern würden. Die Unterbezahlten dürfen zwar nicht das Privileg des Reichtums genießen, aber sie können gleichwohl von der daraus resultierenden globalen Einkommensungleichheit profitieren. Obwohl sie zu Hause keineswegs privilegiert sind, kann es sich eine Junggesellenparty aus Manchester leisten, einen obdachlosen Polen dafür zu bezahlen, sich den Namen des Bräutigams auf die Stirn tätowieren zu lassen.[73] Das ist die Freude, die das Kapital selbst denen gewährt, die es ausbeutet. Letztendlich, so Frank Wilderson, „wenn Arbeiter ein Brot kaufen können, dann können sie auch einen Sklaven kaufen“,[74] denn die Position des Sklaven wird nicht von den Lohnverhältnissen, sondern von einer rassischen Hierarchie bestimmt. Aus dieser Perspektive sind Wohlfahrtschauvinismus und die libidinöse Investition in das Weißsein als Stellvertreter für das Kapital vollkommen rational: Politisch gesehen weisen sie auf den Weg des geringsten Widerstands (wenn nicht sogar den einzigen offenen Weg) hin, um ein Mindestmaß an sozialem Status zu bewahren.
Im Jahr 2003 sagte Fredric Jameson in einem berühmten Zitat, es sei leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.[75] Die organistische Metapher, auf der der Korporatismus basiert, ontologisiert die soziale Form und impliziert, dass eine Krise dieser Form eine Krise der Gesellschaft und der Zivilisation selbst sei. Der Lebensstil und die antipolitischen Modelle und Denkweisen, die die digitale Wende hervorgebracht hat, werden hier mit dem Überleben gleichgesetzt. Infolgedessen ist für einen großen Teil der (meist weißen und relativ wohlhabenden) Bevölkerung, die nicht die Last von jahrhundertelanger Verfolgung trägt, das Ende der Welt – unbewusst oder halb bewusst – dem Ende der Privilegien vorzuziehen, die der rassistische Kapitalismus gewährt.
(Einige der Überlegungen zu Rokos Wette wurden erstmals in meinem Artikel „The Psychology of Paranoid Irony“ erörtert, in: Transmediale Journal/Face Value Edition, Februar 2018, S. 18–22.)
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* Das Wort Basilisk kommt in Luthers Originaltext nicht vor. Es handelt sich vielmehr um eine redaktionelle Ergänzung ausschließlich in der englischen Übersetzung, die 1948 in den USA von der christlich-nationalistischen Organisation „Crusade“ veröffentlicht wurde.
** Wir haben beschlossen, in der deutschen Übersetzung durchgehend das generische Maskulinum zu verwenden, weil die Welt, die der Text beschreibt, durchgehend maskulinistisch ist.
[1] Rede und Fragerunde von Präsident Reagan an der Staatlichen Universität Moskau, UdSSR, 31. Mai 1988, https://www.reaganlibrary.gov/res earch/spee, abgerufen am 10. Februar 2019. Ich danke Anselm Franke dafür, dass er mich auf dieses Video aufmerksam gemacht hat. Präsident Reagan bezieht sich auf Warren T. Brookes, The Economy of Mind, Universe Publications, 1982.
[2] Der Kapitalismus ist eine eschatologische Erzählung: Erlösung kann nur durch die Einbindung in den Markt erreicht werden. Aus dieser Perspektive ist künstliche Intelligenz (im gesamten Artikel als KI bezeichnet) ein Analogon für Kapital.
[3] Man wird leicht zynisch gegenüber den dahinterstehenden Motiven, wenn man bedenkt, dass die von LessWrong vertretene Moralphilosophie, der “effektive Altruismus”, “Vernunft” und “Beweise” fordert, bei der Beurteilung, wie anderen am effektivsten zu helfen sei. Bei Spenden für wohltätige Zwecke plädiert der effektive Altruismus für eine Priorisierung der Anliegen. Da die Entwicklung einer bösartigen KI als die dringlichste existenzielle Bedrohung für die Menschheit angesehen wird, folgt daraus, dass Spenden an MIRI Vorrang vor Spenden an Organisationen, die gegen Hungersnöte oder Malaria kämpfen, haben sollen.
[4] Selbst unter der Annahme, dass die Existenz Gottes unwahrscheinlich ist, sind die potenziellen Vorteile des Glaubens so groß, dass es unendlich viel rationaler ist, an Gott zu glauben, als Atheist zu sein.
[5] Evelyn Fox Keller, Reflections on Gender and Science, Yale University Press, New Haven, 1985, S. 121–22.
[6] Diese Affinität hängt auch mit der Frage nach mutmaßlichen Parallelwelten jenseits unserer eigenen Welt zusammen, der sich mit psychotischen Wahnvorstellungen und Wahrscheinlichkeitsbewertungen angenähert werden kann.
[7] Keller, Reflections on Gender and Science, op. cit.
[8] George E. Marcus, Paranoia within Reason, The University of Chicago Press, Chicago, 1999, S. 2.
[9] Philip Mirowski, Machine Dreams: Economics Becomes a Cyborg Science, Cambridge University Press, Cambridge, 2002, S. 343.
[10] Keller, Reflections on Gender and Science, op. cit.
[11] Ibid.
[12] Mirowski, Machine Dreams, op. cit., S. 343.
[13] Diese Lesart stützt sich auf die uralte Hierarchisierung von Merkmalen, die als männlich und solchen, die als weiblich gelten (zum Beispiel öffentlich/privat; politisch/persönlich; Vernunft/Gefühl; Gerechtigkeit/Fürsorge; objektiv/subjektiv).
[14] Sianne Ngai, Ugly Feelings, Harvard University Press, New Haven, 2005, S. 299.
[15] Peter Knight, Conspiracy Culture: From Kennedy to the X Files, Routledge, London und New York, 2000, S. 2.
[16] Ibid., S. 4.
[17] Lauren Berlant, Desire/ Love, Punctum Books, Goleta, Kalifornien, 2012,
S. 37.
[18] Jacques Lacan, „Le Séminaire. Livre XXII. RSI, 1974–5“, Ornicar?, Nr. 2–5,
1975, S. 162–171 .
[19] Obwohl Transhumanismus oft mit Posthumanismus verwechselt wird, stellt er die Merkmale des liberalen Selbst (Rationalität, Selbstbestimmung, willensstarker Körper) nicht in Frage, sondern zielt darauf ab, das menschliche „Potenzial“ technologisch zu steigern.
[20] Josh Harkinson, „Lernen Sie die geheimnisvollen Anhänger der Alt-Right im Silicon Valley kennen: Ich habe die Rolle der ‚Alt-Techies‘ in der durch Trump ermutigten extremistischen Bewegung untersucht“, Mother Jones, 10. März 2017, https://www.motherjones.com/po litics/2017/03/silicon-valley-tech- alt-right-racism-misogyny/, abgerufen am 10. Februar 2019. In demselben Artikel wird der weiße Suprematist Richard Spencer mit den Worten zitiert, dass „der durchschnittliche Alt-Right-Anhänger wahrscheinlich ein 28-jähriger, technikaffiner Mann ist, der in der IT-Branche arbeitet“.
[21] Diese Aussage wird gewöhnlich Walter Benjamin zugeschrieben, obwohl es sich bestenfalls um eine Verkürzung seiner Argumente und nicht um ein direktes Zitat handelt.
[22] Colin Campbell, The Cult, the Cultic Milieu and Secularization, AltaMira Press, Lanham, 2002, S. 19.
[23] Ibid.
[24] Morgan Quaintance, Cultic Cultures, Art Monthly 404, März 2017, S. 6–11, https://morganquaintance.com/20 17/05/17/our-cultic-milieu/.
[25] Für eine detaillierte Übersicht zur Verschwörung des „kulturellen Marxismus“ siehe Sven Lütticken, „Cultural Marxists Like Us“, Afterall 46, Herbst/Winter 2018, S. 66–75.
[26] Campbell, The Cult, the Cultic Milieu and Secularization, op. cit.
[27] Harrison Fluss und Landon Frim, „Behemoth and Leviathan: The Fascist Bestiary of the Alt-Right“, Salvage, 21. Dezember 2017, http://salvage.zone/in- print/behemoth-and-leviathan- the-fascist-bestiary-of-the-alt- right/, abgerufen am 8. Februar 2019.
[28] Zakiyyah Iman Jackson, „Outer Worlds: The Persistence of Race in Movement Beyond the Human“, GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies, Queer Inhumanisms, Bd. 21, Nr. 2–3, Juni 2015, S.
215–218.
[29] Ibid., S. 215.
[30] Klaus Theweleit, Männerphantasien, Band 1, „Frauen, Fluten, Körper, Geschichte“, Verlag Roter Stern/Stroemfeld, Frankfurt am Main, 1977.
[31] Der weltweite KI-Markt wird im Zeitraum 2017–2021 voraussichtlich jährlich um 50 Prozent wachsen.
[32] Berlant, Desire/Love, S. 35.
[33] Ibid.
[34] Siehe Cathy O’Neil, Weapons of Math Destruction: How Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy, Crown Random House, New York, 2016.
[35] Chris Chen, „The Limit Point of Capitalist Equality“, Endnotes 3, September 2013, http://endnotes.org.uk/issues/3/en /chris-chen-the-limit-point-of- capitalist-equality, abgerufen am 8. Februar 2019.
[36] Ibid.
[37] Mark Greif, „What Was the Hipster“, New York Magazine, 24. Oktober 2010, http://nymag.com/news/features/ 69129/, abgerufen am 10. Januar 2019.
[38] Der Begriff „aspirational nihilism“ wurde von der Kunsthistorikerin Larne Abse Gogarty geprägt, um neue, vom Internet inspirierte Entwicklungen in der zeitgenössischen Ästhetik zu bezeichnen. Siehe Larne Abse Gogarty, „Coherence and Complicity: On the Wholeness of Post-Internet Aesthetics“, Propositions for Non-fascist Living #4, 17. März 2018, Utrecht, BAK: https://vimeo.com/266048660, abgerufen am 17. Februar 2019.
[39] Siehe Florian Cramer im Panel „Proto-Post-Fascism?“, auf der Konferenz „The White West: The Resurgence of Fascism as Cultural Force“, Paris, 9. Mai 2018, http://www.lacolonie.paris/agen da/the-white-west-la- resurgence-du-fascisme-comme- force-culturelle, abgerufen am 17. Februar 2019.
[40] Siehe Michail Bachtin, Rabelais und seine Welt, Indiana University Press, Bloomington, 1984 .
[41] Terry Eagleton, Walter Benjamin: Or Towards a Revolutionary Criticism, Verso, London, 2009.
[42] Für eine detaillierte Untersuchung der Kulturalisierung der Politik siehe Antonia Majacas „Odysseus of the Nimble Wits“ in Parapolitics, Sternberg Press, erscheint in Kürze.
[43] Olivier Jutel, „The Alt-right and the Death of Counterculture“, Overland Literary Journal, Juli 2017, https://overland.org.au/ 2017/07/the-alt-right-and-the- death-of-counterculture/, abgerufen am 17. Februar 2019.
[44] Ibid.
[45] Historisch gesehen ist die Vermischung der moralischen und wirtschaftlichen Bedeutung von „Transgression“ mit dem kontraintuitiven Argument verbunden, das Bernard Mandeville 1705 in seinem Gedicht „Die Fabel von den Bienen“ vorbrachte. Mit der Behauptung, dass bessere Menschen die Welt zu einem schlechteren Ort machen würden, sprach sich Mandeville für Gier und Egoismus aus. Obwohl seine zynische Ablehnung christlicher Werte bei den zeitgenössischen Lesern heftigen Anstoß erregte, wurde Mandeville von der britischen utilitaristischen Schule wiederentdeckt und populär gemacht; Adam Smiths Parabel von der „unsichtbaren Hand“ ist eine abgeschwächte Version von Mandevilles Fabel, versehen mit einem wissenschaftlichen Anstrich.
[46] Die Alt-Light (oder Alt-Lite) ist eine lose definierte rechte Bewegung, die die aggressive Leichtfertigkeit und das gegen soziale Gerechtigkeit gerichtete Ethos der Alt-Right teilt, aber behauptet, den weißen Suprematismus abzulehnen.
[47] Mark Greif, „What Was the Hipster“, op. cit.
[48] Siehe Angela Nagle, „Goodbye, Pepe: The End of the Alt-Right“, The Baffler, 15. August 2017, https://thebaffler.com/latest/good bye-pepe, abgerufen am 17. Februar 2019; und Christy Wampole, „How to Live without Irony“, New York Times, 18. November 2012, https://www.nytimes.com/2016/1 2/19/opinion/how-to-live- without-irony-for-real-this-time-.html, abgerufen am 17. Februar 2019.
[49] Ironie wird oft verwendet, um Skepsis auszudrücken, und gilt seit langem auch als Mittel der Subversion, als Ausdruck einer hinterfragenden Haltung, die mit politischer Progressivität in Verbindung gebracht wird. Ironie kann es tatsächlich ermöglichen, Misstrauen oder Dissens unter belastenden oder sogar gefährlichen Umständen auszudrücken, die andere Formen des politischen Ausdrucks ausschließen. Aber Ironie kann auch Komplizenschaft verschleiern. Vor allem ist Ironie ein Abwehrmechanismus, der ihr Objekt herabsetzt, während er die Selbstzufriedenheit und das Überlegenheitsgefühl des Subjekts maximiert.
[50] Siehe Ana Teixeira Pinto, „Artwashing NRx and the Alt- Right“, Text zur Kunst 106, Juni 2017, S. 152–171.
[51] Fred Turner, „Where the Counterculture Met the New Economy: The WELL and the Origins of Virtual Community“, Technology and Culture 46, 2005, S. 485-512.
[52] Park MacDougald, „The Darkness Before the Right“, The Awl, 28. September 2015, https://www.theawl.com/2015/0 9/the-darkness-before-the-right/, abgerufen am 17. Februar 2017.
[53] Shuja Haider, „The Darkness at the End of the Tunnel: Artificial Intelligence and Neoreaction“, Viewpoint Magazine, 28. März 2017, https://www.viewpointmag.com/ 2017/03/28/the-darkness-at-the- end-of-the-tunnel-artificial- intelligence-and-neoreaction/, abgerufen am 17. Februar 2019.
[54] MacDougald, „The Darkness Before the Right“, op. cit.
[55] Sam Hyde beispielsweise beschreibt sich selbst als Libertären, der befürchtet, „wir opfern die westliche Zivilisation auf dem Altar [sic] als Sühne für weiße Schuld, weil wir Angst haben, dass irgendein kraushaariger afroamerikanischer Transsexueller mit dem Finger auf uns zeigt“, laut einem Beitrag vom 17. Oktober 2016 im MDE-Subreddit, archiviert unter https://archive.4plebs.org/pol/thre ad/93362731/, abgerufen am 9. Februar 2019.
[56] Interview in El Mercurio, S. D8– D9, Santiago de Chile, 12. April 1981.
[57] David Ellerman, „Does Classical Liberalism Imply Democracy?“, Ethics & Global Politics 8, 2015, http://dx.doi.org/10.3402/egp.v 8.29310, abgerufen am 10. Dezember 2018.
[58] Robert Nozick, Anarchie, Staat und Utopie, Basic Books, New York, 2013, S. 331.
[59] Paul A. Samuelson, Economics, McGraw-Hill Book Co, New York, 1976 (10. Auflage), S. 52.
[60] Ellerman, „Does Classical Liberalism Imply Democracy?“, op. cit.
[61] MacDougald, „The Darkness Before the Right“, op. cit
[62] „The Stack“ ist ein Begriff, den Benjamin Bratton verwendet, um Software als Souveränität und die neue Governance durch Big Tech zu beschreiben.
[63] David Golumbia, „Bitcoin as Politics“, in: Geert Lovink (Hrsg.), Moneylab Reader, Institute of Network Cultures, Amsterdam, 2015
[64] MacDougald, „The Darkness Before the Right“, op. cit.
[65] Nick Land, zitiert in Haider, „The Darkness at the End of the Tunnel“, op. cit.
[66] Haider, „The Darkness at the End of the Tunnel“, op. cit.
[67] Ibid.
[68] Siehe Carl Schmitt, „Der Leviathan in der Staatstheorie von Thomas Hobbes: Bedeutung und Scheitern eines politischen Symbols“, Beiträge zur Politikwissenschaft 374, Globale Perspektiven in Geschichte und Politik, Greenwood Press, London, 1996.
[69] Aimé Césaire, „Discourse on Colonialism“, übersetzt von Joan Pinkham, Monthly Review Press, New York und London, 1972, S. 3. Ursprünglich veröffentlicht als Discours sur le colonialisme, Editions Presence Africaine, 1955.
[70] Nikhil Pal Singh, „Das Nachleben des Faschismus“, South Atlantic Quarterly, Band 105, Nr. 1, Dezember 2006, S. 72–93.
[71] Césaire, „Discours sur le colonialisme“, op. cit., S. 3.
[72] Jodi Dean, „Donald Trump ist der ehrlichste Kandidat in der heutigen amerikanischen Politik: Während andere Kandidaten auf eine fiktive Einheit oder den Anschein moralischer Integrität appellieren, zeigt er die Macht der Ungleichheit“, In These Times, 12. August 2015, http://inthesetimes.com/article/18 309/donald-trump-republican- president, abgerufen am 20. Dezember 2018.
[73] Siehe Haroon Siddique, „British Stag Group in Spain ‘Paid Homeless Man to Get Face Tattoo’”, The Guardian, 30. Juli 2018, https://www.theguardian.com/w orld/2018/jul/30/british-stag- group-in-spain-paid-homeless- man-to-get-tattoo, abgerufen am 9. Februar 2019.
[74] Frank B. Wilderson, Red, White & Black: Cinema and the Structure of American Antagonisms, Duke University Press, Durham, 2010, S. 13.
[75] Siehe Fredric Jameson, „Future City“, New Left Review 21, Mai/Juni 2003, S. 65–79.