Schlagwort: Staatsräson

  • Der Einschüchterung entgegentreten

    Benjamin Schütze: Deutsche Israelpolitik: Die Truppen der Staatsräson, Gastkommentar, in: taz 20.1.2026.

    Benjamin Schütze hat einen Zensurversuch durch den Antisemitismusbeauftragten der Universität Erlangen erlebt. Dieser hatte den bayerischen Oberstaatsanwalt darüber informiert, dass Schütze in einem Vortrag auf dem 35. Deutschen Orientalistentag den Genozid-Begriffs nutzte. Der Titel seines Vortags lautete „Supporting (plausible) acts of genocide: Red lines and the failure of German Middle Eastern Studies“, der Antisemitismusbeauftragte forderte dessen „Anpassung“.

    Dieser Zensurversuch konnte zwar abgewehrt werden, hat seine einschüchternde Wirkung aber nicht verfehlt. Schütze nimmt diese Erfahrung deshalb zum Ausgangspunkt seines Beitrags über den zunehmend autoritären Anti-Antisemitismus in Deutschland und die „Truppen der Staatsräson“, die ihn etabliert haben und immer weiter ausbauen. Dieser Anti-Antisemitismus diene keineswegs der Bekämpfung von Antisemitismus, sondern ziele auf die institutionelle Verankerung der deutschen Unterstützung eines Genozids in Gaza, der Normalisierung von anti-arabischem Rassismus und der Diffamierung von Forscher*innen, die sich solidarisch mit Palästina zeigen. Die Achtung vor dem Völkerrecht wie auch vor der Wissenschafts- und Versammlungsfreiheit sei zum Kollateralschaden der Staatsräson geworden. Während sich die Regierung damit gegen Grundgesetz und internationales Recht stellt, muss sich die Gesellschaft nun fragen, ob sie sich dieser Entscheidung weiterhin anschließen bzw. unterwerfen will, oder ob sie sich zur Wehr setzt.

    https://taz.de/Deutsche-Israelpolitik/!6146623/

  • „Nie wieder“ muss universell gelten

    Alexander Schwarz: Scheitern in Gaza, südlink, 213, 6–7.

    „Wer ‚Nie wieder‘ sagt, muss ‚für alle‘ meinen […]“, schreibt Alexander Schwarz in seinem Beitrag. Allerdings beharre die Bundesregierung auf einer Staatsräson, die sich auf eine uneingeschränkte Solidarität mit Israel reduziere, so Schwarz. Er verweist auf den Verlust der Glaubwürdigkeit angesichts der zu beobachtenden Doppelstandards in der (fehlenden) Anwendung des Völkerrechts, etwa im Hinblick auf die Ukraine – und die Folgen für eine regelbasierte Weltordnung und den Grundsatz der Gleichheit vor dem Recht: „Wer bewusst mit diesen Prinzipien bricht, stellt sich außerhalb der Wertegemeinschaft, der er angehört.“ Auch innenpolitisch zeigen sich mit Blick auf die staatlichen Repressionen propalästinensischer Proteste und die damit einhergehende Verletzung grundgesetzlich verbürgter Rechte die Schäden für das demokratische Grundgerüst.

    Für Schwarz muss Staatsräson rechtlich gebunden werden, vorbehaltlich, dass man sie überhaupt als legitime Doktrin ansehen will (vgl. z.B. Andreas Engelmann, Über die erstaunliche Rückkehr der Staatsräson im Gewand der Moral, Etos, 22. August 2024, für den „[d]as Konzept Staatsräson […] nur einen Sinn [hat], wenn es für Interessen steht, die eine Missachtung von Recht und Gesetz legitimieren. Andernfalls könnte sich der Staat nämlich einfach an Recht und Gesetz halten.“): „Es geht nicht um ‚Staatsräson oder Völkerrecht‘, sondern um eine völkerrechtskonforme Staatsräson.“ Dass Deutschland zu Völkerrechtsverbrechen schweigt und an Israel Waffen liefert, beschädige Grundprinzipien der Völkerrechtsordnung. 

    Mit seinem Beitrag in der Zeitschrift Südlink betont Schwarz die Dringlichkeit einer universellen Geltung des Rechts – „Jetzt ist der Moment, die Prinzipien von Nürnberg zu verteidigen.“ 

    In diesem Zusammenhang sei auch auf die wiederholte Verweigerung von Rechtsschutz gegen deutsche Rüstungslieferungen durch deutsche Gerichte, mit fatalen Folgen für die palästinensische Zivilbevölkerung, hingewiesen, wie auch auf das unter anderem von Schwarz in der Bundespressekonferenz vom 2. Oktober 2025 vorgestellte Expertenpapier „Jenseits der Staatsraison: Wie historische Verantwortung, strategische Interessen und Völkerrecht in Einklang gebracht werden können. Expertenpapier für eine nahostpolitische Wende“.

    https://www.ecchr.eu/publikation/scheitern-in-gaza