Jewish Currents Podcast On the Nose: The Hill, Arielle Angel im Gespräch mit Harriet Clark, 7. Mai 2026, https://jewishcurrents.org/the-hill.
Diese Podcast-Folge von On the Nose/Jewish Currents setzt sich existentiell mit Fragen auseinander, was zu tun bleibt, wenn man dem Gefängnis-System ausgeliefert ist. Arielle Angel spricht mit Harriet Clark über deren gerade erschienenes Buch „The Hill“: ein autobiographischer Roman über ein Kind, das mit seiner Mutter nur bei den wöchentlichen Besuchen im Gefängnis zusammen sein kann. Das Kind will einfach nur seine Mutter sehen und widmet dem sein eigenes Leben – 38 Jahre lang. Erst 2019 wurde die Mutter entlassen. Harriet Clarks Mutter ist Judith Clark, früheres Mitglied von Weather Underground und der kommunistischen Organisation May 19th in den USA, 1981 zu lebenslänglicher Haft verurteilt wegen ihrer Teilnahme an einem Raubüberfall, bei dem drei Menschen starben. Auch die Großeltern, die sich um das Kind kümmern, waren Kommunisten; in der Familie wurde revolutionärer Aktivismus für eine gerechtere Welt von Generation zu Generation vererbt, mit großer Härte gegen sich selbst und andere.
Harriet Clark erzählt unglaublich eindrucksvoll von ihren Einsichten in ein Gefängnissystem, wo die Trennung der Kinder von den Eltern systematisch und die Zerstörung von Familien beabsichtigt ist. Familienzusammenführung kann, wenn überhaupt, nur noch im Gefängnis selbst stattfinden. Sie macht Dinge sehr anschaulich, die man eigentlich schon weiß – z.B. wie krass dieses System sich seit 2001 entwickelt und entmenschlicht hat. Sie verknüpft das angebliche Spezialschicksal Gefangenschaft mit den großen Fragen des Lebens und der Literatur – z.B. mit dem Tod (die Großeltern sterben); wenn ein geliebter Mensch stirbt, geht etwas von der eigenen Person mit, wie im Gefängnis. Besonders geholfen hat mir der Gedanke, dass sich immer Menschen um sie gekümmert haben, selbst Fremde, selbst Mitarbeiter:innen des Gefängnisses, und dass auch ihre Mutter im Gefängnis sich um andere gekümmert hat, also dass sie nicht alleine waren, obwohl sie natürlich trotzdem total allein waren, und dass dieses Kind gegen das repressive System die Familie zusammengehalten hat, obwohl das natürlich eine völlige Überforderung und eigentlich gar nicht möglich war. Also dieses Tröstlich-Untröstliche des Aufgehobenseins im Menschlichen und Solidarischen, das Kinder in widerständigen sozialen Zusammenhängen erfahren, aber das in nicht-widerständigen sozialen Zusammenhängen fehlt. Außerdem fand ich besonders interessant, wie Arielle Angel die Beharrlichkeit des Kindes, ins Gefängnis zurückzukehren, mit der Beharrlichkeit der palästinensischen Rückkehrforderung vergleicht, und wie die beiden über die Radikalität und „Gestörtheit“ („derangedness“) eines solchen Heimkehrenwollens diskutieren. Und es gibt noch viel mehr, was man aus diesem Gespräch lernen kann.