Debatte will Wissen teilen – großzügig und kritisch, widerständig und differenziert. Sie speist sich aus Anregungen und Diskussionen aus dem Kontext der Allianz für Kritische und Solidarische Wissenschaft (KriSol). Sie bietet drei Genres: Die Picks sind kurze, einführende und kommentierende Texte zu woanders erschienenen, oft internationalen, akademischen oder auch nicht akademischen, manchmal abseitigen, manchmal sehr zentralen Beiträgen, die wir verlinken und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen wollen. Mit den Drops verweisen wir auf Veröffentlichungen von KriSol-Mitgliedern. Außerdem schreiben wir selbst Posts, oder lassen sie schreiben: das sind längere Texte – Reflexionen, Berichte, Rezensionen, Briefe, Kurzreportagen, Kommentare, Interviews …
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Disability Studies – akut bedroht
Zum Jahreswechsel ist weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit den wichtigsten Einrichtungen der Disability Studies (DS) im deutschsprachigen Raum die Finanzierung entzogen worden. Ihr emanzipatorischer, aus der Behindertenbewegung stammender Ansatz („Nothing about us without us“) droht der autoritären Wende zum Opfer zu fallen. Obwohl doch erst sie herausgearbeitet haben, dass Nichtbehinderung immer nur temporär ist und die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung für ALLE relevant ist.
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BDS: Boykott von Institutionen, nicht Individuen
Dörthe Engelcke erklärt im Interview mit Deutschlandfunk zur „Academic Boycott Conference“ in Berlin, dass Boykottaufrufe gegen staatliche israelische Universitäten von der Meinungsfreiheit gedeckt sind und die Ziele der BDS-Bewegungen im Einklang mit dem Völkerrecht stehen. Ziele und Mittel des Boykotts werden teilweise auch von EU-Regierungen vertreten.
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Der Einschüchterung entgegentreten
Benjamin Schütze schreibt in der taz über einen Zensurversuch durch einen Antisemitismusbeauftragten und darüber, wie mit der deutschen „Staatsräson“ ein autoritärer Anti-Antisemitismus etabliert wird. Die Gesellschaft muss sich entscheiden, wie sie damit umgeht.
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Die imperiale Bundesrepublik
Kai Koddenbrock und Carolin Fiete Norina Voß haben in der „New Political Economy“ ihre Forschungsergebnisse zu den Verschiebungen deutscher Sicherheits-, Wirtschafts- und Außenpolitik der letzten Jahre, aus einer imperialismustheoretischen Perspektive, veröffentlicht.
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Kritisches und solidarisches Völkerrecht
In einem Interview für die „London Review of International Law“ reflektiert die Völkerrechtlerin Nahed Samour darüber, was es bedeutet, in Zeiten eines Genozids im Bereich des Völkerrechts zu arbeiten. Sie schlägt einen pragmatischen, positivistisch-realistischen Ansatz vor: sich kritisch mit der Mitverantwortung des Völkerrechts für strukturelle Ungerechtigkeit auseinanderzusetzen und gleichzeitig seine auf Freiheit und Gleichheit ausgerichteten Ziele voranzutreiben, z. B. durch das Eintreten für die Anwendung der Völkermordkonvention.
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Was Universitäten und Wissenschaftler*innen tun können: acht Maßnahmen
Ilyas Saliba hat in der Zeitschrift „Wissenschaft und Frieden“ zu den Folgen der Erosion der Wissenschaftsfreiheit für die Offene Gesellschaft, und wie Deutschland davon betroffen ist, geschrieben. Er schlägt acht konkrete Maßnahmen vor, an denen sich Wissenschaftler*innen und Universitäten orientieren können.
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Wissenwollen unter Generalverdacht
Dieser Beitrag ist unter dem Titel “Das Studium der arabischen und muslimischen Welt – ein riskantes Metier?” im “Club de Mediapart” im französischen Original veröffentlicht worden. Seine Schlussfolgerung: Hinter den Absagen akademischer Veranstaltungen zu Israel/Palästina steht nicht nur eine generelle Missachtung der Wissenschaftsfreiheit, sondern vor allem auch eine spezielle Verachtung gegenüber dem Forschungsgebiet und den Forscher:innen des “Mittleren Ostens”.
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Indiens nicht erklärter Ausnahmezustand
Ernst Fraenkels “Doppelstaat” (1938) bietet sich für die Analyse heutiger Faschisierungsprozesse an. Julia Eckert pickt ein bereits 2021 erschienenes Buch von Arvind Narrain, das die Begrifflichkeiten von „Maßnahmenstaat“ und „Normenstaat“ auf das gegenwärtige Indien anwendet und für eine Strategie des „verfassungsmäßigen Widerstands“ plädiert.
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Koloniale versus antikoloniale Überschreitungen der Grenze zwischen Zivilisten und Kombattanten
Um die Diskussion um “Genozid”/“Krieg” weiter zu bereichern, pickt Jevgeniy Bluwstein einen Artikel von Nicola Perugini, der sich der völkerrechtlichen Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten widmet. Perugini zeigt aus dekolonialer Perspektive auf, warum das Völkerrecht beide Seiten – antikolonialen Widerstand und koloniale Gewalt – zur Transgression antreibt.
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Die Begriffe „Krieg“ und „Genozid“ sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden
Hier ein weiterer Debattenbeitrag zur Genozid- und Kriegs-Begrifflichkeit (nach dem Pick zu Dirk Moses „Problems of Genocide“ vom Mai 2025). Aus der Perspektive der Friedens- und Konfliktforschung argumentieren wir, dass die Massengewalt in Gaza umfangreich empirisch belegt ist: auch wenn das juristische Urteil über den Genozid noch aussteht, ist der „genozidale Krieg“ längst bewiesen. Mit dem Kriegsbegriff können wir darauf bestehen, dass bereits auf dieser Basis politische Konsequenzen, beispielsweise im Verhältnis zur israelischen Regierung, gezogen werden müssen.
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Bundesforschungsministerium ignoriert bei Fördermittelvergabe die Fachgutachten
Die Rechercheplattform Correctiv hat herausgefunden, dass das Bundesforschungsministerium ein Unternehmen von Ahmad Mansour mit knapp neun Millionen Euro fördert, obwohl die vom Ministerium selbst beauftragten Expert*innen davon explizit abgeraten haben – und dies während überall sonst Wissenschaft und Kultur Fördermittel gestrichen werden.
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Ekel und Erotik des neuen faschistischen Körpers
Katrin Köppert pickt hier das Buch von Dagmar Herzog: „Der neue faschistische Körper“, das die aktuellen Faschismustheorien um die intersektionale Kategorie der Behinderung erweitert. Faschismus heute wie damals macht Rassismus „sexy“ und produziert, nutzt und koppelt Affekte der sexuellen Aufladung von Fortpflanzung und des Ekels vor vulnerablen Körpern. Hierbei ist die faschistische „Ko-Option“ der postmodernen Anfechtung von Wahrheit eine Herausforderung für die Theoriebildung.
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Wissenschaftsfreiheit – für wen, für was, mit welchem Ziel?
In der “Zeitschrift für Medienwissenschaft” läuft eine Debatte zur Wissenschaftsfreiheit, die Kathrin Peters und Katrin Köppert initiiert haben. Die Beiträge haben ihren Ausgangspunkt in den Reaktionen der Universitäten auf den genozidalen Krieg in Gaza.
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Antisemitismus-Training an US-amerikanischen Universitäten
Die jüdisch-amerikanische Publikationsplattform „Forward“ hat sich ein „anti-bias“ Video genauer angeschaut, mit dem die Northwestern University in Chicago den Trump-Bestimmungen zur angeblichen Antisemitismusbekämpfung Folge zu leisten versucht. Das für alle Studierende verpflichtende Video verstößt gegen wissenschaftliche Grundregeln und macht auch jüdische Antizionist:innen zu Antisemiten.
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Medienanalyse: Hierarchien des Todes
Jannis Grimm, Justus Könneker und Mariam Salehi haben in der interdisziplinären Fachzeitschrift „Peacebuilding“ eine Studie veröffentlicht, die die deutsche Medienberichterstattung in Bezug auf palästinensische und israelische Todesopfer in den ersten sechs Wochen nach dem 7. Oktober 2023 vergleicht. Wie zu erwarten: palästinensische Leben zählten weit weniger als israelische Leben.
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„Nie wieder“ muss universell gelten
In seinem Beitrag für die Zeitschrift südlink prangert Alexander Schwarz an, dass die Bundesregierung Grundprinzipien des Völkerrechts beschädigt, und fordert, dass „Nie wieder“ universell angewendet werden müsse.
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Politische Bedingungen der Möglichkeit von Wissenschaft
Wie politisch ist Wissenschaft? Wie politisch darf sie sein? Und wann muss sie politisch werden? In ihrem Gastbeitrag im Wiarda-Blog zur Verantwortung von Wissenschaft widmet sich Hanna Pfeifer diesen Fragen nach der Grenzziehung zwischen politischem Aktivismus und wissenschaftlicher Tätigkeit.
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Wie die Anerkennung Palästinas in Frankreich debattiert wird
„Es ist, als würde man uns sagen: Jetzt erkenne ich dich an, du heißt Palästina, du kannst verschwinden“, meint der palästinensische Journalist Rami Abou Jamous, der gerade in Gaza mit seiner Familie in der Hölle eines laufenden Genozids gefangen ist. Es scheint auf der Hand zu liegen, dass die Anerkennung des palästinensischen Staates den Genozid, die Besatzung und die Apartheid nicht stoppen wird. Vielleicht ist es aber noch schlimmer. Oder doch nicht? In Frankreich hat eine Debatte zu den völkerrechtlichen Risiken und Chancen der Anerkennungspolitik begonnen. (Bild: European Union, 2025)
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Das Redaktionskollektiv besteht zur Zeit aus Marion Detjen, Julia Eckert, Isabel Feichtner und Christian Strippel.



